Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 229 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 229 rechten Hand zwischen die beiden nächsten Finger schiebt und den zwischen diesen Fingern gepreßten Daumen gegen die Person, von der der böse Blick kommen könnte, richtet, natürlich ohne daß sie es merkt*). Wie schon erwähnt, sollen besonders Kinder den Folgen eines bösen Blickes ausgesetzt sein; deswegen werden Eltern sehr unruhig, wenn jemand ihre Kinder mit Bewunderung oder ihre guten Eigenschaften hervorhebend anblickt, denn „Kinder sind wie Glas" lautet ein Sprichwort im Osten, d. h. sie brechen, sterben leicht Damit der Fremde die „Feige", die man ihm hinhält, nicht merkt, wird sie unsichtbar, von einem Manne in der Tasche und von einer Frau unter der Schürze, gehalten. Nach Entfernung des Fremden wird mitunter zur weiteren Abschwächung der möglichen Wirkung des bösen Blickes durch die Mutter des Kindes oder eine andere anwesende Frau das sog. „Ubspeien" vorgenommen, welches in der Weise geschieht, daß man die Stirne des Kindes dreimal mit den Lippen berührt, und nach jeder Berührung auf die Seite spuckt. Durch diese Prozedur soll die etwa noch im Kinde wirkende dämonische Kraft entfernt, verstreut und gänzlich unschädlich gemacht werden. Das „Ubspeien" wird aber ausschließlich bei Kindern, nie bei erwachsenen Personen vorgenommen. Bei älteren Leuten ist bei plötzlich eingetretenem Unwohlsein, das auf die Wirkung eines bösen Auges mutmaßlich zurückgeführt werden könnte, das sog. „Kojlenubleschen" (Kohlenlöschen) üblich. Hauptsächlich während der Mahlzeit ist der Ostjude darauf bedacht, daß ein Fremder, insofern dieser selbst am Mahle nicht teilnimmt, im selben Räume sich nicht aufhalte, da gerade bei solcher Gelegenheit ein böses Auge Erwachsene und noch mehr Kinder blitzartig treffen könne. Kommt es aber doch vor, daß ein Fremder, ohne am Mahle teilzunehmen, sich doch um diese Zeit im Zimmer befindet, dann ruft ihm der Hausherr „Kommt mitessen!" zu, worauf dieser immer „Eßt ge- *) Das Kneifen des Daumens zur sogenannten „Feige", als Abwehrmittel gegen die schädliche Wirkung eines bösen Blickes wie gegen Dämonen, ist im Judentum älteren Ursprungs und wird schon von R. Jehuda Hachassid (13. Jahrhundert) in dessen Sefer Chassidim (237) erwähnt. Dieser auch heute im Osten sehr volkstümliche Brauch scheint auf einen Ausspruch im Talmud (Tr. Berachot 54 B) zurückzuführen zu sein. In dieser Talmudstelle wird als Abwehrmittel gegen die Wirkung eines bösen Blickes empfohlen, den Daumen der rechten Hand mit der linken und den der linken mit der rechten Hand zu greifen und den Spruch herzusagen: „Ich X Sohn des Y stamme vom Samen Josefs, über den ein böser Blick keine Gewalt hat" Auch Manasse ben Israel schreibt in dem oben erwähnten Abschnitt seines „Nischmat chaim" der sogenannten Feige einen günstigen Einfluß auf das Bannen dämonischer Kräfte zu. Der Brauch der „Feige" findet sich übrigens schon bei den alten Römern wie auch im Mittelalter in Italien (Dante, Inferno XXV) und ist daselbst noch heute im Volke stark verbreitet. Auch den alten Germanen war es bekannt. Im Osten dient die Feige unter den Juden, außer zu dem oben schon angeführten Zwecke, überdies auch als Zeichen der Mißachtung gegen jemand, den man nicht fürchten zu müssen glaubt oder wenn man jemands Wunsch entschieden abweist. Will der Ostjude z. B. ausdrücken, daß er vor jemand keine Angst habe oder daß er jemands Verlangen nicht zu erfüllen gedenke, sagt er: „Ich stell ihm heraus a Fagl" wobei er diese gleichzeitig bildlich demon striert. Will er dieser seiner Behauptung ein kräftigeres Gewicht verleihen, sagt er: „Ich stell ihm heraus a bespigene (bespuckte) Fag", wobei er die hingehaltene Feige leicht anspeit« Die Feige als Zeichen der Absage ist übrigens auch bei den Nichtjuden in Polen üblich (wystawie. mu figej. In dem von Güdemann (a. a. O. Seite 206) erwähnten kabbalistischen „Sefer hamma- Iachim" wird die Wirkung der „Feige" auf das Verscheuchen der Dämonen damit erklärt, daß dadurch der Mensch einem Tiere sich gleichstellt und deswegen böse Dämonen ihre Macht über ihn verlieren.