Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 228 (sequence 2)
- Language
- German
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228 Samuel Rappaport: Bekannt schlechte, überaus häßliche, auch rothaarige Menschen und insbesondere solche Personen, die im Säuglingsalter von der Brust einmal entwöhnt und dann wieder daran genährt worden sind, sollen nach dem Volksglauben mit einem bösen Blick behaftet sein, weshalb man sich vor ihnen nicht wenig in acht nehmen müsse. Zum Schutze gegen einen Blick binden Mütter mitunter einen roten Faden um das rechte Handgelenk des Kindes. Im Mittelalter pflegten in Deutschland zu diesem Zweck jüdische Kinder rote Korallen um den Hals zu tragen. (Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Frankreich und Deutschland während des 10. bis 14. Jahrhunderts, Seite 215). Bei Chassidim wird in besonderen Fällen zu dem Zwecke vom Zaddik eine sogenannte „Kimeie" (Kmie) erbeten, die vom Kinde am Halse getragen wird. Das Amulett, im Talmud „Kmie", im Osten „Kimeie" genannt, ist als bewährte Abwehr und Heilmittel gegen die schädlichen Wirkungen eines bösen Blickes, wie allerlei Krankheiten und Leiden schon in talmudischer Zeit bekannt (Tr. Sabbat 60 A, 61A, Midrasch Rabbah Wajikrah 12 usw.) und scheint zur damaligen Zeit unter den Juden sehr populär gewesen zu sein. Mit der Entwicklung der Kabbalah hat gleichzeitig die Kmie im Volke viel an Beliebtheit gewonnen. Hervorragende Köpfe, wie z. B. Jonatan Eibenschütz, waren von der wunderbaren Wirkung der Kmies tief überzeugt und haben auch selbst welche ausgegeben. Bekannt ist auch der Kampf Jakob Emdens gegen Eibenschütz wegen des angeblich sabbatäisch (Sabbatai Zbi) ketzerischen Inhalts der von letzterem verbreiteten Kmies. Mit der Verbreitung des Chassidismus gelangte im Osten auch die Kmie zu großer Popularität. Sie wird von den Zaddikim ausgegeben. Auch wird die Kmie vom Zaddik nur selten, in neuerer Zeit nur äußerst selten und zwar bloß in sehr dringenden Fällen und an verläßliche und würdige Getreue ausgehändigt. In erster Linie erhalten Kmies unfruchtbare Frauen, die, wegen der der Kmie innewohnenden heiligen Kraft, des Segens der Leibesfrucht teilhaftig zu werden glauben. Ebenso bekommen Kranke und Kinder, letztere zumeist zum Schutz gegen einen bösen Blick, eine Kmie. Eine solche besteht zumeist aus einem kleinen Streifen Pergament, auf dem, von der Hand des Zaddik, kabbalistische Zeichen und Engelsnamen, oft aber auch einfache Segenssprüche aus der Bibel geschrieben stehen. Sie liegt in einer Kapsel verschlossen, die nie geöffnet werden darf, da die Kmie, wenn sie gelesen wird, ihre geheime Kraft verliert. Als eine Art Amulett kann auch die vom Zaddik „ungesprochene (angesprochene) Matbea" (durch den Segen des Zaddik geweihte Münze) oder sonst ein anderer vom Zaddik „angesprochener" kleiner Gegenstand angesehen werden. Diese werden aber nicht als Kmie, sondern als vom Zaddik „angesprochen", d. h. durch seinen Segen geweiht, bezeichnet. Solche vom Zaddik angesprochene Gegenstände tragen Chassidim, Männer und Frauen, durchs ganze Leben bei sich, in der Überzeugung, daß sie ihnen Glück und Gesundheit bringen. Ein Chassid wird solch einen „angesprochenen" Gegenstand um kein Geld veräußern. Selbst nach dem Tode seines Eigentümers wird er von den Nachkommen als teure Reliquie treu bewahrt. Bemerkt ein Ostjude, daß jemand sein Kind allzuscharf beobachtet oder bewundert, wobei ein „ein hara" zu befürchten sei, dann bedient er sich, zur momentanen Abwehr, der sogenannten „Fag" (Feige). Die „Fag" kommt in der Weise zustande, daß man, ohne daß jemand es merkt, den Daumen der