Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 227 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101155-3104458--3310-3104506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 227 AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN V. Geburt 1. Kindersegen. Die Erhaltung des Stammes ist eine der höchsten Pflichten des gesetzestreuen Juden. „Seid fruchtbar und mehret euch" lautet das erste Gebot der Torah (Genesis 1, 28), denn „siehe ein Segen Gottes sind Söhne, sein Lohn die Leibesfrucht'*, singt der Psalmist (Psalm 127, 4). Schon die Bibel erzählt von unsagbarem Weh von Vätern und Müttern (Abraham, Isaak, Sarah, Rebekah, Rahel, Channah), als ihnen die Leibesfrucht vorenthalten wurde, bis durch frommes Beten das heißersehnte Glück, Kinder, ihnen durch himmlische Gnade zuteil worden ist. Die zu Siloh in inbrünstigem stillem Flehen zu Gott um einen Sohn bittende Channah (Samuel I, Kapitel 1) ist der klassische Typus einer vom Gram der Kinderlosigkeit heimgesuchten jüdischen Frau. Kindersegen ist der heilige Zweck der Ehe, Ziel und Krone des jüdischen Lebens. „Der Kinderlose gleicht einem Toten" (Tr. Naddarim 64 B). Das Leben des kinderlosen Juden bleibt, selbst bei höchstem geistigen und materiellem Glänze, innerlich öde und ohne Sonne. Die altjüdische hohe sittlich-religiöse Bewertung des Kindersegens für das Leben des Stammes, der Familie wie des einzelnen Individuums besteht noch heute in ihrer uralten Bedeutung ungeschwächt in den großen Massen der frommen Ostjuden. Reicher Kindersegen gilt hier noch heute, wie einst in den Tagen der Bibel, als wahrer und unvergänglicher Reichtum, den Gott seinen Frommen schenkt. Aus übertriebener Angst um seinen kostbaren Schatz wird ein Ostjude, in Furcht vor dem schädlichen Einflüsse eines bösen Blickes („Ein hara"), seine Kinder nie direkt zählen. (Exodus 30, 2, Samuel II, Kapitel 24, Chronik I, Kapitel 21, 1). Muß dies jedoch geschehen, dann tut er es nicht ohne die Worte „kein ein höre", etwa wie man in Deutschland sagt „unbeschrien", hinzuzufügen. Dasselbe „kein ein höre" unterläßt er auch nicht zu sagen, wenn er etwas Gutes oder Löbliches über seine Kinder oder ihm teure Personen erzählt. Bei den im Osten vorgenommenen offiziellen Volkszählungen haben viele Juden, insbesondere in den kleinen Städten und am flachen Lande, einzig aus Angst vor einem „ein höre", ihre volle Kinderzahl nicht angemeldet*). *) Der Glaube an die schädliche Wirkung eines sogenannten bösen Auges („ein hara" oder „eina bischa") ist im Judentum alt und wird im Talmud und Midrasch sehr oft erwähnt, so z. B. Abot II 16, Tr. Baba Meziah 107 B, Midrasch Breschit RaBbah 91, 2. Glück, Reichtum, Gesundheit und vornehmlich Kinder können durch einen bösen Blick oder „böses Auge", wie es allgemein genannt wird, sehr empfindlichen Schaden nehmen. Dieser Glaube ist im Judentum seit alter Zeit, sowie das ganze Mittelalter hindurch und bis auf den heutigen Tag stark verbreitet. (Bemerkungen Raschis zu den diesbezüglichen Talmudstellen, Jehuda Hachassid im Sefer Chassidim wie die ganze ältere und neuere kabbalistische Literatur.) Der gelehrte Manasse bei Israel (siebzehntes Jahrhundert), ein gewiegter und überzeugter Kabbaiist, der selbstverständlich auch vom Glauben an die unheilbringende Wirkung eines bösen Blickes durchdrungen ist, sucht diese Erscheinung auf den Einfluß tückischer Dämonen, deren geheime Wirkung gleichsam als unsichtbares Fluidum im bösen Auge ihren Sitz hat, zurückzuführen. (Nischmat Chaim III, 27.) Über die sogenannte „Feige", als Schutzmittel gegen die Wirkung eines bösen Blickes, siehe die nächste Anmerkung. IS*