Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Familie als Element der Gemeinschaft
Date
1919-01-01
Page
219 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101155-3104457--3301-3104498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Familie als Element der Gemeinschaft 219hat eben den Stempel wahrer Tragik. Oder meint jema^-i, es habe sich bei der Verführung der Dijna durch Schechem um Frauenraub im alten Sinne gehandelt? Der hat die Worte nicht recht gelesen: „und Schechem redete über dem Herzen des Mädchens.*4 Freilich, in der Ermordung der Männer zu Schechem hat der Kampf des Erbtriebes mit dem Wahltrieb ein trauriges Denkmal gefunden, ein Denkmal, das nicht nur zu bewundem, auch zu besinnen gibt. Die ostjüdische und altjüdische Form der Eheschließung bildet ein System, gebaut aus dem Erbtrieb, bei dem die Wahl vor allem von der Familie der zu Verehelichenden und unter dem Gesichtspunkt der Familienrücksichten getroffen wird. Die Eheschließung ist hier vor allem Angelegenheit der durch die neue Ehe verbundenen Familien. Wir Modernen fühlen das Unrecht dieses Systems darin, daß nicht die Eheschließenden selbst die durchaus selbständig Wählenden sind, denn nur die unbedingte Freiheit der Wahl erscheint uns als Gewähr für die Innigkeit eines Ehebundes. Im Ost- und Altjüdischen gestaltet der Geschlechtstrieb die einzelne Ehe, die nach anderer Wahl geschlossen wurde. In der modernen Auffassung muß der Einzelne in seiner Wahl den Geschlechtstrieb gestalten. Einerseits denkt die Moderne so, weil sie nur dem selbstwählenden Menschen den Sinn für gute Wahl zuspricht, andererseits ist ihr die Verantwortungsfrage wichtig und sie glaubt, nur der Selbstwählende könne die gute oder schlechte Wahl verantworten. Das Individuum ist eben Ausgang und Mittelpunkt für die Moderne, das Geschlecht ist es für die alt- und ostjüdische Auffassung. Dies ist sicher: das Individuum hat sich, wie in vieler anderer Beziehung, so auch im Gestalten des Geschlechtstriebes von der Herrschaft des Geschlechtes möglichst befreit, und weder kann es Aufgabe sein, noch kann es gelingen, diese Befreiung wieder zunichte zu machen. Aber das Individuum, das sich darum der Bindungen entledigt, weil es Bindungen sind, hat diesen ins Antlitz zu schauen. Es gilt sich bewußt werden. Wir haben es unternommen, die mächtigste Gestaltung des Geschlechtstriebes, wie sie uns im altjüdischen Schidduch gegeben war, zu brechen, und haben damit die größte der Verantwortungen auf uns genommen. Wir haben es dem Geschlechte zu verantworten, daß das Neue, das wir an Stelle des Alten setzen, dem Geschlechte auch ebenso gerecht, ja gerechter werde, als die alte, vom Geschlecht aus wohlgebaute Form. Nicht das nackte Übernehmen der Gestaltungen und Traditionen ist der Sinn der Erbschaft, sondern die Gestaltung des Erbes. Die sich aber darauf berufen, um nur frei des bindenden Erbes für sich allein die Welt aus Aufgegebenheit in Genußmittel zu entwürdigen, die verdienen nicht Namen und Erbe im Geschlecht. - In der Erbferne und Erb Verkommenheit, in der wir mit den Völkern Europas leben, konnte es kommen, daß der Familie dienen ein anderes geworden <st, als dem Geschlechte dienen. Es konnte dahin kommen, daß, wer den Dienst des Geschlechtes und der Gemeinsamkeit der Familien nicht als Erwerb betreibt, dadurch seine Familie in die Not des Mangels führt. Es konnte andererseits sich herausbilden, daß Gemeinschafts- und Gemeinsamkeitsgestaltung unternommen wird, ohne als Elemente der Gemeinschaft die Familien zu betrachten, vielmehr gilt der in jeder Hinsicht geheiligte Einzelegoismus als Einheit der Gemeinde. So kommt es auch, daß, wo öffentliche Angelegenheiten „demokratisch" erledigt werden sollen, die Macht der Willensrichtungen nach Stimmen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.