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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 218

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Familie als Element der Gemeinschaft
Date
1919-01-01
Page
218 (sequence 4)
Language
German
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218 Elijahu Rappeport: scheinen und vor sich und den anderen zu gelten. Die Mädchen aber wachsen in unnatürlichem Warten auf die Möglichkeit einer Ehe auf, und gerade die besten unter ihnen verstehen es nicht, durch Raffinement und Veruntreuung ihres Mädchentums der feigen Wahlfurcht des Mannes unter die Arme zu greifen. Kein Wunder, daß sich unter diesen Umständen die Nichtigkeit und Gemeinheit am breitesten forterbt, und die Frucht solcher Gestaltung des Erbtriebs genießen wir allstündlich auf Straßen, Gassen und Märkten dieses entsittlichte» Europas. Wir Heidenjuden nun, die wir aus der traditionsgebundensten Menschengemeinschaft den Sprung in die traditionsloseste Menschenvielheit getan haben, weil wir keine Kraft hatten, Tradition aus Gemeinschaft zu erneuen, wir müssen uns vor allem dessen bewußt werden, was wir dem Nichts zuliebe aufgegeben haben. Das einzige System der Verehelichung als Gemeinschaftsangelenheit und Familienangelegenheit kennt Europa im alt- und ostjüdischen Schidduch. Äußerlich und mit der modernen Brille betrachtet ein Greuel, der die ganze Herrlichkeit (sie ist leicht zu missen) moderner Eheproblematik unmöglich macht, bedeutet dieser ost- und altjüdische Schidduch doch die stärkste Gestaltung des Geschlechtstriebes, für den vom Standpunkt der Gemeinschaft alles, gegen den vom Standpunkt der Individuen Verherrlichung alles spricht. Freilich jener enorme Unfug, der mit der „Liebe*' im modernen Geschlechtsleben getrieben wird, den gibt es nahezu überhaupt nicht durch das System der familienhaften Heiratsbestimmung vor der geschlechtlichen Überreife der Verehelichten. Scheinbar wird dem Individuum die größte Glückschance, die Aussicht auf einen Liebesbund, abgeschnitten, und darum ist das Ghetto so arm an wahrem Liebesjubel und wahrer Liebestragödie. Aber vielleicht gibt es den gedankenlosen Schwätzern der modernen Liebesverherrlichung doch zu denken, daß das Ghetto wahrlich nicht trotz, sondern wegen dieses Verehelichungssystems nicht nur arm an „Liebe", sondern auch reich ist an Familiensinn, an wahrer Familieneinheit, die bei uns gar nicht bekannt ist. Nicht nur arm an Ehedramatik, auch völlig arm an Ehebruch. Nicht nur arm an Überlüsternheit, auch unendlich reich an Geschlechtssinn. Nicht nur arm an äußerlichster Individualität, auch durchlebt von wahrer Gemeinschaft. Darum, wie immer wir die einzelnen Formen des ost- und altjüdischen Verehelichungssystemes ansehen mögen, dessen müssen wir uns innigst bewußt sein, daß hier Geschlechtlichkeit vom Erbtrieb aus betrachtet, erfaßt und gestaltet ist, was übrigens auch die Betrachtungsweise des Alten Testaments eigentümlich für moderne Blicklosigkeit macht. Man denke an die herrliche Erzählung, wie Elieser, der Hausverwalter des Awraham, ausgesandt wird, Riwkah für Jizchak zu holen. Man erinnere sich, warum Rikwah ihren Sohn Jaakob gerade nach Padan-Aram zu Laban sendet und wie stark hier die Verbindung von Wahl und Erbtrieb im Dienst um Rachel dargestellt ist, denn die sieben Dienstjahre des Jaakob um Rachel waren ihm wie einige Tage. Und denket der unglücklichen, mutvollen Töchter des Lot. Kein Ton eines Lusttriebes klingt an, wenn berichtet wird, wie sie sich zu ihrem weinberauschten Vater legen, von ihm Frucht zu empfangen, denn sie drängt der reine Erbtrieb. Auch der herrlichen Thamar darf hier nicht vergessen werden, die durch List ihrem Schwiegervater die Sünde erspart, das Gebot der Schwagerehe an ihr zu verabsäumen, und die gleichzeitig durch ihre Tat den Fluch von sich abwendet, der ihre vorigen Männer getötet hat. Freilich findet auch hier der Liebestrieb tragischen Durchbruch, aber dieser Durchbruch

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