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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 217

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Familie als Element der Gemeinschaft
Date
1919-01-01
Page
217 (sequence 3)
Language
German
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Die Familie als Element der Gemeinschaft lustverheißend und vermögen obendrein der Gier nach Lust den Mantel des Rechten umzuhängen; sie sind erbfern und scheinen darum leicht und originell. Eine der wesentlichsten dieser modernen Anschauungen ist die, daß es des Individuums eigenste Sache sei, wann, wie, mit wem es sich verehelichen wolle, und daß niemand das Individuum darin mitbestimmen dürfe. Es ist dieselbe Einstellung wie dem Religiösen gegenüber. Wo die eigentliche Bindung und Gebundenheit von Individuum und Gemeinschaft einsetzen sollte, wo die allerpersönlichste Angelegenheit gleichzeitig die empfindlichste Angelegenheit und Gelegenheit zu eigener Funktionsbetätigung der Gemeinschaft ist, da wendet diese Betrachtungsweise ihren Blick völlig von der Gemeinschaft ab und dem auf sich (im Grunde dadurch auf das Nichts) gestellten Einzel-Ich zu. Während, es nun dem Geschlechtstrieb wesentlich ist, in dem Zusammentreffen von Sexual- und Erbtrieb auch Treffpunkt von Individualitäts- und Gemeinschaftstrieb zu sein, wird von der modernen Betrachtungsweise die gemeinschaftbauende und -gestaltende Tendenz der Geschlechtstriebe möglichst verdrängt. Darum auch, während die eigentliche Schwierigkeit eines erbbewußten Systems der Eheschließung darin liegt, daß Gemeinschaftsinteresse und Persönlichkeit in der rechten Weise miteinander verbunden werden, kennt die moderne Auffassung diese Schwierigkeit nicht, sondern ihr liegt die Schwierigkeit nur darin, wie sich geschlechtliche Reife und ökonomische Reife in einen Zeitpunkt drängen lassen. Um dies aber zu bewirken, muß einerseits Geschlechtlichkeit verhalten werden, bis das Individuum ihr ökonomisch nachgekommen ist, wobei es sich um viele Jahre Differenz handelt, und außerdem das ganze Individuum gerichtet werden auf seine ökonomische Reif werdung. Kein Wunder, daß ein solcher Ökonom dann auch die Braut ökonomisch wählt, denn er vergißt, daß- Ökonomie ein Mittel hätte sein sollen, und sie geht ihm nun als Zweck selbst über die Bildung der Familie. Nun erst empört sich die moderne Denkart gegen sich selbst, denn nun kann sie sich wieder auf den Boden der Individualitätsherrlichkeit stellen, sowohl wegen des armen Opfers kluger Ökonomie, als auch vom Standpunkt der kommenden, aus solcher Ehe hervorgehenden Kinder. Ein offenes und geschätztes System der Eheschließung gibt es im zivilisierten Europa nicht. Im allgemeinen wählt sich der Mann in einem geschlechtlich abgeklärten Alter, d. h. nachdem er in mancherlei sexualen Bindungen Schiffbruch erlitten hat und von ehelicher Gemeinschaft schon ein abgeklärtes, zu deutsch entgeistetes, Urteil sich gebildet hat, ein selbst auch schon älteres, nach Versorgung ausschauendes Mädchen, das ihm vor allem allerlei äußere Vorteile zu gewähren vermag. Erst nach der Bildung der eigentlichen Familie durch das Werden der Kinder vollzieht sich der Wandel und die Wendung aus. der Welt der Fiktionen von Geld und Geltung in die Welt der Wirklichkeiten der Geschlechterfolge. Denn immerhin ist der Geschlechtstrieb doch mächtiger als der verzerrbare Individualtrieb, und Gottes Barmherzigkeit läßt aus den jämmerlichsten Menschenbindungen und Ehebündnissen volle, vollgemessene Früchte reifen. Nicht immer allerdings. Keine Macht der Gemeinschaft im modernen Europa hat die Berufung in sich, auf die Art der Familienbildung und Eheschließung Einfluß zu nehmen. Dies gilt als heiligste Privatsache. Während solcherart die Männer als geschlechtliche Krüppel in die eheliche Bindung gelangen, haben sie doch immer noch den Vorteil, selbst als die Wählenden ihres Geschickes wenigstens zu er-

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