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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Familie als Element der Gemeinschaft
Date
1919-01-01
Page
216 (sequence 2)
Language
German
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2X6 Elijahu Rappeport: weit diese natürlichen Einheiten auch als Einheiten Macht haben sollen und als Einheiten und nicht durch ihre einzelnen Mitglieder gestaltend auf die Gemeinschaft zurückwirken können. Von dem System und den Gesichtspunkten, nach denen die Erneuung der Geschlechter durch die Familienbildungen geschieht, hängt die Gestaltung der Gemeinschaft in erster Folge ab, aber auch umgekehrt ist das System der Verehelichung der Einzelnen, ja die Tatsache, ob überhaupt ein System der Verehelichung vorhanden ist oder nicht, in erster Reihe abhängig von der Form der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die nicht den Einzelnen, sondern die einzelne Familie als ihr eigentliches Gut und Element auffaßt, kann der Art und Weise, wie sich neue Familien bilden, ob aus der Getriebenheit durch den engeren Geschlechtstrieb, ob durch Wahl der Einzelnen oder durch Übereinkunft und Einsicht der Familien, ob im reifen geschlechtlichen Alter oder im reifen ökonomischen Alter, eine solche Gemeinschaft kann diesen Fragen nicht teilnahmslos und nicht beschauend allein gegenüberstehen. Die als „modern" geschätzte, letztmodische Lebensauffassung ist vor allem gekennzeichnet durch eine sogenannte Vorurteilslosigkeit Es ist eine Lebensauffassung, die im Grunde als Vorurteil alles verbannt hat, was nicht unmittelbar vom Bauch des Einzelnen ausgeht und wieder kurzwegig in seinen Bauch zurückführt. Diese Generation sieht sogar in der Familie nur eine Angelegenheit, der man allein von diesem Ausgangspunkt nahen darf, denn sie kennt im Grunde keine andere Gemeinschaft als Nahrung und Ich oder Genuß und Ich. Sogar das Verhältnis des Ich und Du gilt ihr vor allem als Lustverhältnis. Ihr geht es durchgehends um Lust, nicht einmal um Freude, denn Freude ist erst auf einer gewissen Stufe der Selbstvergessenheit möglich. Unter dieser besonderen Art der hochgepriesenen Vorurteilslosigkeit, die als Vorurteil nur den krassen Ichdünkel gelten läßt, sind auch die Fragen der Geschlechtlichkeit in einer ganz bestimmten, heute Gemeingut gewordenen Art betrachtet und fixiert worden. Man kann diese Betrachtungsweise der sogenanten Moderne durch drei Eigenschaften charakterisieren: sie ist lustgerichtet, ichhaft und erbfern. Zunächst hat sich diese moderne Betrachtungsweise erspart, den Geschlechtstrieb als das, was er ist, anzusehen, und nimmt ihn lieber als das, was er dem Individuum am deutlichsten scheint. Der Lusttrieb ist darum der feistgenährte Liebling der Zeit, während sein Zwillingsbruder, der Erbtrieb, in erschreckender Magerkeit zur Seite steht, denn die glorreiche Amme Moderne vergaß bei jeder zweiten Mahlzeit, ihm ihre Brust zu reichen. Da dieser Betrachtungsweise Gemeinschaft sowohl als Erbschaft, wie auch als Gegenwartsgemeinschaft, nur dem Worte nach bekannt ist, aber zuinnerst fremd, ist für sie das geschlechtliche Problem nur gelegentlich an die Fragen der Familie gebunden. Ja die Familie erscheint ihr als ein Gebilde der Trägheit, das sich zu Unrecht um den Einzelnen schließt und ihn knechtet. Der eigentliche Mensch ist dieser modernen Betrachtungsweise der ungebundene, familienlose. Diese Tendenz wagt es, die Dinge nicht nur in ihrem Lachkabinett ansehen zu lassen, sondern aus solcher Schau stellt sie Forderungen, die sie ebenso fest in die Gemüter einzuschreiben weiß, wie die auf wahrer Schau Fußenden. Diese Forderungen bestricken sogar, denn sie sind aus knappster Ich-Enge geholt und wenden sich an die Verengungslust der Individuen; sie sind lustschielend und

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