Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 214 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Siegfried Lehmann: Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke Stellung zu seiner Gemeinschaft und zur Rechtsprechung; oder man denke an die Formen, in denen sich jüdisches Gerechtigkeitsgefühl in der Gemeinschaft noch heute offenbart, an die Art, den Armen zu unterstützen, dem Bedürftigen Kredit zu geben, dem Kranken zu helfen. In diesen Institutionen ostjüdischen Gemeinschaftslebens werden wir herrliche, jüdischem Geist und jüdischem Wesen entspringende Einrichtungen vorfinden, auf deren Grundlage wir die neue jüdische Gemeinschaft wieder aufrichten sollten. Ein wahrer Volkssozialismus, der nicht auf der Grundlage eines bürokratischen Systems, eines die Seele des Volkes ausschließenden mechanischen Zentralapparates von oben herab die Beziehungen der Menschen untereinander in Gerechtigkeit regeln will, ein solcher Volkssozialismus muß die neue Gemeinschaft von unten, durch das Volk selbst, aufbauen. Hüten wir uns, den Aufbau unseres palästinensischen Gemeinwesens dem Organisationstalent europäisch geschulter Parteileute oder dem Volk entwurzelten Volks Wissenschaftlern zu überlassen, als ob ein Volk nichts anderes wäre als ein Verein oder ein gut organisiertes Geschäftspersonal. Hüten wir uns, dasjenige, was die Menschen in einer echten Volksgemeinschaft einander verbindet und sie zu einem wahrhaften Miteinanderleben zwingt, durch Organisation und tote Mechanik zu ersetzen: nämlich die tiefe, Jahrhunderte alte Verbundenheit durch den gemeinsamen Geist. Bauen wir unsere neue Gemeinschaft nach den Grundsätzen des europäischen Staates auf, dessen Menschen nicht durch tiefste Gemeinsamkeiten, sondern durch Organisation und Maschinengewehre zusammengehalten werden, dann wird unser jüdischer Staat zusammenbrechen, wie die Staaten Europas zusammenbrechen werden; denn der Tag kann nicht mehr allzu fern sein, wo die Menschen der europäischen Staaten die Maschinengewehre zerschlagen und die Gewalt abschütteln werden, die sie aneinander kettet, und nichts Lebendiges, Geistiges wird dann da sein, das die Menschen an Stelle der Gewalt und des Polizeizwanges in Freiheit und Brüderlichkeit zusammenhalten wird. So scheinen der Untergang der modernen Riesenstaaten und die gegenseitige Vernichtung seiner Bürger unabwendbar; was wir heute an Revolutionen erleben, sind nur Schritte auf diesem Wege völligen Zerfalls. Wie soll auch eine Gemeinschaft, die ein Totes in ihre Mitte setzt — Organisation und Gewalt —, von Dauer sein können? Dies ist ja das erhabene Geheimnis am ewigen Bestehen des jüdischen Volkes, daß es in seine Mitte ein Ewiges stellte, den lebendigen jüdischen Gott, um dessentwillen das Volk und jeder Einzelne in der Gemeinschaft lebte und der die jüdische Gemeinschaft zu einer großen Einheit zusammenschloß* Verbunden durch den Geist war der eine Jude Bruder des anderen, lebte er auch am entgegengesetzten Ende der Welt. Und dieses scheint das Unbegreifliche in unserer Zeit: ohne Staatsorganisation im europäischen Sinne und ohne äußere Gewalt wurden hier nicht nur Menschen eines Staates, sondern zahlreiche, über die ganze Welt zerstreute Menschen in wahrer Brüderlichkeit zusammengehalten, einzig und allein durch die Macht des Geistes. Es bestand in der jüdischen autonomen Gemeinschaft im Golus niemals eine körperliche Gewalt, Polizei, Militär oder Bürokratie, die die Beziehungen der Angehörigen der Gemeinschaft durch Zwang regelte. Und dennoch war in der Not der eine der Bruder des andern. Und dennoch stand unser an Gewaltmitteln so armes Gemeinwesen dem Wesen des Sozialismus näher, als jedes andere Staatswesen.