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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 213

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
Date
1919-01-01
Page
213 (sequence 7)
Language
German
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Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke 213 Dagegen läßt sich nichts einwenden. Aber sowie diese Menschen ihre Stimme erheben, um mitzuwirken an dem kulturellen Aufbau unseres Volkes, wird sich das Volk mit Leidenschaft gegen sie wenden; denn dazu haben sie sich das Recht verwirkt, da sie als Außenstehende nicht anderes können, als fremde Ideale von außen in unser Volk zu tragen. Nicht gegen die Befruchtung mit europäischen Idealen wenden wir uns, sondern dagegen, daß die jüdische Seele von außen mit europäischer Farbe angemalt werden soll, anstatt daß sie organisch, von innen heraus, sich weitet. Hier hat das Recht des Mitschaffens nur derjenige, dessen Herz eins geworden ist mit dem des Volkes, der den Weg, den das Volk seit Jahrhunderten gegangen ist, in seiner eigenen Seele zurückgelegt hat und nun beim Suchen der weiteren Wege helfen kann. Nicht einmal zur Mitgestaltung des bedeutungsvollsten Ausdrucksmittels des jüdischen Wesens, der Sprache, hat eine solche vom Volke losgelöste westjüdische Jugend das Recht. Auch dazu fehlt ihr die Vergangenheit; denn jedes wesentliche Wort einer lebendigen Sprache ist schwer von Erinnerungen und trägt in sich eine Fülle erschütternder, vergangener Erlebnisse. Jedes wesentliche hebräische Wort läßt in der Seele eines Volksjuden eine bestimmte Erinnerung mitschwingen und läßt in ihm aufstehen all die Zusammenhänge, in denen er einmal selbst das Wort sprach oder hörte, im Morgengebet oder in einem Talmudgleichnis, beim Lesen der Bibel oder beim Hören des Sterbegebetes. So hat jedes hebräische Wort einen bestimmten Klang, der nur in demjenigen Resonanz rinden wird, der alle Äußerungen, die aus dem Wesen des Volkes entstammen, sich zu eigen gemacht hat. Ein anderer hat nicht das Recht der Mitgestaltung; denn er spricht eine andere Sprache, Ebensowenig haben wir ein Recht, an der gesellschaftlichen Gestaltung des Volkes mitzuschaffen, wenn wir nicht sein Wesen, seine geistigen Wurzeln kennen gelernt und ganz tief in uns aufgenommen haben. Andernfalls könnten wir wohl einen durch die jüdische Sprache etwas verfärbten Abklatsch einer europäischen Nation schaffen, eine schöpferische jüdische Volksgemeinschaft wird auf diesem Wege nicht entstehen. Allein der Grundgedanke einer Gemeinschaft, die Gerechtigkeit in ihr, wird vom jüdischen Volke in so grundsätzlich anderer Weise gedeutet als in den heutigen europäischen Nationen, daß ein europäisches System des Sozialismus, wie der Marxismus, immer nur ein dem jüdischen Volke aufgezwungenes, von außen hineingetragenes sein wird, niemals aber eine Schöpfung des Volksgeistes und seiner gemeinschaftbildenden Kräfte. Wie ein kleiner Teil der russischen Jugend (nicht derjenige, von dem Dostojewski in seinem Briefe spricht), als sie den Gedanken einer gerechten Gesellschaftsordnung in ihr Volk trug, an die tief im Volk lebenden, durch das Alter geheiligten Ideale anknüpfte, wie sie, in der Hand das russische Evangelium, zu den Bauern von der kommenden Umwälzung sprachen, wollen auch wir die künftige Volksgemeinschaft nicht aus wesensfremden Bestandteilen einer fremden Welt aufrichten, sondern sie sich organisch dem Eigengeist unseres Volkes gemäß entwickeln lassen. Wir wollen ins Volk gehen und zu erkennen suchen, welche Ideale v°n einem jüdischen Gemeinschaftsleben noch heute in den Sitten und Bräuchen des Volkes oder in seinem Schrifttum leben, bevor wir v°n außen fremde Systeme dem Volk aufoktroyieren. Man denke an das Amt des Richters in der Ostjudengasse und seine ganz andersartige Ein-

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