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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
Date
1919-01-01
Page
212 (sequence 6)
Language
German
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212 Siegfried Lehmann; Religion, aufs tiefste verachten, ins Volk, nicht um es kennen zu lernen, sondern um es von oben herab und mit einer gewissen Verachtung zu belehren; ein durchaus aristokratischer Sport! „Junker" nennt sie das Volk und hat recht. Es ist ja wirklich seltsam: überall auf der Welt waren die Demokraten immer auf der Seite des Volkes; nur bei uns haben sich die intellektuellen Demokraten mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet: sie gehen ins Volk, „um Gutes zu tun", und verachten dabei alle seine Sitten und Ideale. Eine solche Verachtung kann aber unmöglich zur Liebe führen! In unserer durchfaulten Gesellschaft herrscht nichts als eitle Lüge. Sie kann sich aus eigener Kraft nicht mehr halten. Nur das Volk allein ist stark und fest, doch zwischen der Gesellschaft und dem Volke herrschen seit zwei Jahren entsetzliche Widersprüche. Als unsere Sentimentalisten das Volk von der Leibeigenschaft befreiten, glaubten sie voller Rührung, daß es sich sofort ihre europäische Lüge oder Zivilisation, wie sie sie nennen, aneignen würde. Das Volk hat sich aber als sehr selbständig erwiesen, und nun beginnt es, die Verlogenheit der oberen Schichten unserer Gesellschaft zu erkennen... Denn diese Jugend hält das Volk für etwas anderes als es ist, sie haßt und verachtet seine Ideale und bringt ihm Arzneien, die es für unsinnig und verrückt halten muß... Der Bruch mit der Umgebung soll viel entscheidender sein, als der Bruch zwischen der Gesellschaft von heute und der von morgen, von dem die Sozialisten predigen. Denn wenn man ins Volk gehen und mit dem Volke leben will, muß man vor allen Dingen lernen, das Volk nicht zu verachten; dies kann aber unsere oberste Schicht fast unmöglich lernen. Zweitens muß man auch anfangen, an Gott zu glauben, was unseren russischen Europäern unmöglich ist (obwohl die eigentlichen Europäer in Europa an Gott glauben)." Der Weg zum Volke ist dem Westjuden schwer; aber mit aller Gewalt sollte die westjüdische Jugend solange an den Toren zum Volke, die ihr heute noch verschlossen sind, rütteln, bis sie sich ihr auftun und sie das Wesen des Volkes in all seiner herrlichen Inbrunst zu Gott und in all seiner abgrundtiefen Verderbtheit in Liebe umfassen wird. Allein nur die Jugend wird den Segen dieser Offenbarung empfinden, die sich in Ehrfurcht dem Volke nähert. Und Ehrfurchtslosigkeit dem Volke gegenüber ist es, die wir der westjüdischen Jugend vorwerfen. Was ist es anderes als Mangel an Demut vor dem Volke, wenn wir wissen, die Masse unseres Volkes trägt in ihrem Herzen tausend Dinge, die ihr lieb und unendlich heilig sind, und wir gehen über sie hinweg, ohne auch nur mit einer Spur von Liebe und Mühe um sie zu werben? Zu tief sitzt in uns noch der Dünkel des europäischen Bourgeois, dessen Seele nicht mehr gespeist wird von den Kräften seines Volkes, und der in frevelhafter Überhebung sein von den Wurzeln des Volkes abgelöstes Wesen als einzigen Maßstab anerkennt. So müssen auch unsere westjüdischen jungen Menschen als jüdische Bourgeois nach Palästina kommen, als Menschen, die sich dem Mutterboden, dem Volke entwachsen dünken und sich als überlegene Vormunde gebärden. Es bestände keine Gefahr für unser Volk, wenn sich die westjüdische Jugend in einer besonderen Gemeinschaft, abgeschlossen vom Volke, ansiedeln würde.

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