Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 211 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke 211 ständen die westjüdischen Jugendgemeinschaften zu der gleichen hingebenden Arbeit am Volke gelangen werden, wie die nationale Jugend anderer Völker. Dennoch werden sich immer mehr junge Menschen finden, die die Unmöglichkeit der heutigen westjüdischen Einstellung zum Volke erkennen und die geistige Umzäunung ihrer Organisation durchbrechen werden. Angewidert von der in der nationaljüdischen Bewegung heute immer noch vorherrschenden Selbstbefriedigung in Worten, werden sich diese in der jüdisch-sozialen Arbeit zusammenfinden. Der Westjude geht ins Volk, nicht nur um zu helfen, sondern um durch das Leben im Volke und durch Lernen eins mit ihm zu werden, um den tiefen Abgrund, der ihn von den Massen seines Volkes trennt, zu überbrücken. Die Situation der westjüdischen intellektuellen Jugend dem Volke gegenüber kann nicht besser und treffender geschildert werden, als in einem Brief, den Dostojewski an eine Anzahl russischer Studenten richtete, die sich über die Roheit und das Unverständnis des Volkes den Studenten gegenüber beklagt hatten. Jedes Wort, das Dostojewski über die russische Studentenschaft sagt, könnte auch auf die westjüdische Studentenschaft in ihrem Verhältnis zum Volk angewandt werden. In diesem Briefe heißt es: „Doch es gibt auch Menschen, und sogar recht viele, wie in der Presse, so auch in der Gesellschaft, die entsetzlich unter dem Gedanken leiden, daß die Jugend mit dem Volke (das in erster Linie) und auch mit der Gesellschaft gebrochen hat. Denn es ist wirklich so. Die Jugend lebt in abstrakten Gedanken, befolgt ausländische Lehren, will nichts von Rußland wissen, will vielmehr die eigene Heimat belehren... Sie fragen mich, meine Herren: „Inwiefern tragen wir Studenten selbst Schuld an den Ereignissen?" Hier ist meine Antwort: Ich glaube, daß Sie an der Sache nicht die geringste Schuld tragen. Denn Sie sind ja nur Kinder der gleichen Gesellschaft, von der Sie sich jetzt abwenden, und die eitle Lüge ist. Wenn sich aber unser Student von der Gesellschaft lossagt, geht er nicht ins Volk, sondern in ein nebelhaftes Ausland, flüchtet ins Europäertum, ins abstrakte Reich des phantastischen „Allmenschen*1 und zerreißt auf diese Weise alle Bande, die ihn noch mit dem Volke verbinden; er verachtet das Volk und verkennt es wie ein echter Sohn der Gesellschaft, mit der er gleichfalls gebrochen hat. Und doch liegt im Volke unsere ganze Rettung (doch dies ist ein langes Thema) . .. Aber auch diese Entzweiung mit dem Volke darf der Jugend nicht allzu streng angerechnet werden. Wo hat sie überhaupt Gelegenheit, bevor sie noch ins wirkliche Leben tritt, sich irgendwelche Gedanken über das Volk zu machen? Das Schlimmste an der Sache ist aber, daß das Volk bereits gemerkt hat, daß die intellektuelle russische Jugend mit ihm gebrochen hat. .. Die Jugend sucht die Wahrheit, nach der sie so sehr lechzt, Gott weiß wo, an den absonderlichsten Quellen (auch hierin gleicht sie der durch und durch verfaulten europäisch-russischen Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat), und nicht im Volke, nicht auf der eigenen Scholle. Die Folge davon ist, daß im entscheidenden Augenblick weder die Gesellschaft noch die Jugend das Volk kennen. Statt das Leben des Volkes zu leben, begeben sich die jungen Leute, die nichts vom Volke verstehen, und alle seine Grundlagen, wie zum Beispiel seine *4*