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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 210

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
Date
1919-01-01
Page
210 (sequence 4)
Language
German
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210 Siegfried Lehmann: gelöst. Man setzt sich behaglich an den Schreibtisch oder geht in Kurse oder Versammlungen und versucht alle Probleme der Not theoretisch zu lösen.* Die theoretische Beschäftigung mit den unerhörten Zuständen unseres Volkes strengt nicht weiter an, bringt nicht aus dem Gleichgewicht, beschmutzt nicht, kurz: ist die sympathischste Art, unser nationales Gewissen und unser soziales Verantwortungsgefühl zu beruhigen — und das Volk verhungert und verkommt weiter. Wir machen der jüdischen Jugend nicht den Vorwurf, daß heute nur so wenige soziale Arbeit am Volke leisten, sondern wir beschuldigen die Jugend, daß sie in ihren Gemeinschaften gar nicht die Atmosphäre, den Geist schaffen will, aus der eine solche opferfordernde Tat am Volke geboren werden kann, und zwar aus mehreren Gründen: Ein lebendes jüdisches Volk, wie es als festem nationale Einheit in einer Zahl von neun Millionen Juden im Ostjudentum lebt, existitiert für die westjüdische Jugend überhaupt nicht, nicht im Programm ihrer Organisationen, geschweige denn in Wirklichkeit. Das ist bei einer Jugend, die sich zum Nationalismus, d. h. zur Einheit des jüdischen Volkes bekennt, ein merkwürdiger Zustand, der dadurch nicht weniger auffallend ist, daß diese Nationalisten erst zum Bewußtseih der Einheit des Volkes mit all seinen Verpflichtungen in dem Augenblick kommen wollen, wo sie irgendwann einmal den Fuß auf palästinensischen Boden setzen werden; denn Volk existiere nur in Palästina. Also begnügt man sich, in Liedern und Worten die Sehnsucht nach dieser Zeit zu verherrlichen. Diese Projizierung unseres nationalen Verantwortungsgefühls in eine ferne und sehr vage Zukunft kam unserer Trägheit und unjugendlichen Bequemlichkeit besonders entgegen, indem man einerseits mit dem erlösenden Worte „Palästina" jede Tat am Volke hier und jetzt ablehnen konnte, und andererseits nicht gezwungen war, sich heute schon mit dem Volkstum der Massen unseres Volkes auseinanderzusetzen. Ferner gab die organisierte jüdisch-nationale Studentenschaft nicht den Boden ab, auf dem eine hingebungsvolle Arbeit am Volke hätte gedeihen können. Sie entlehnte ihre Organisationsform der deutschen Studentenschaft, die ihre Gemeinschaftsformen wahrlich nicht unter dem Gesichtspunkt schuf, wie der Student am besten seinem Volke dienen könne. Aber diese Form der Verbindung, die eine standesbewußte, sich ihrer jugendlichen Ungebundenheit und Verantwortungslosigkeit freuende deutsche Studentenschaft sich schuf, war nicht brauchbar zur Erziehung von Studenten, die die Not ihres Volkes und ihr soziales Gewissen zur Arbeit am Volke hätte treiben können. Die Aufrechterhaltung eines guten Verbindungsbetriebes stand bisher im Werte Stets höher als das Wohl des Volkes. Auch die junge jüdische Wanderbewegung konnte nicht günstig sein für die Entwicklung einer sozialen Arbeit, denn auch dieser Jugend wurde Form und Richtung des Gemeinschaftslebens von einer deutschen Jugendgemeinschaft, dem Wandervogel, gegeben, die das Recht der Jugend auf Freiheit und freudiges Sichausleben auf ihre Fahne schrieb, nicht aber die opferfordernde Verantwortung für die Not des Mitmenschen, für die Not des Volkes. So hatte die jüdische Wanderbewegung mit dem lebenden jüdischen Volk so wenig zu tun, wie die Studentenschaft*). Es ist kaum zu erwarten, daß unter diesen Um- *). Es ist selbstverständlich, daß diese Kritik an der deutschen jüdischen Jugendbewegung keine erschöpfende Bewertung ihrer Leistungen darstellen will.

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