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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
Date
1919-01-01
Page
209 (sequence 3)
Language
German
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Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke 209 Heilgehilfen, Lehrer, Dorfschreiber, selbst als landwirtschaftliche Arbeiter, Schmiede, Holzfäller usw. auf die Dörfer, um dort in inniger Berührung mit dem Volke zu leben. Die Mädchen bestanden die Lehrerinnenprüfung, bildeten sich als Hebammen und Pflegerinnen aus und gingen zu Hunderten in die Dörfer, um sich gänzlich dem Dienste der Ärmsten zu weihen. — Dabei schwebten ihnen damals noch keine Ideale sozialer Umwälzung oder irgendwelche Gedanken an Revolution vor. Einzig und allein war es ihr Ziel, die Massen der Bauern lesen zu lehren, sie zu unterrichten, ihnen ärztlichen Beistand zu gewähren oder sonst bei ihrer Erhebung aus Nacht und Elend mitzuhelfen, und zugleich von ihnen zu erfahren, welcher Art ihre Ideale von einem besseren sozialen Leben wären." — Es waren Studentinnen, die als Arbeiterinnen in die Baumwollfabriken eintraten, wo sie sich einer täglichen Arbeitszeit von 14—16 Stunden unterwarfen und in den Geschäftsbaracken das jämmerliche Leben eines russischen Fabrikmädchens führten: nur um in der halben Stunde von Feierabend bis zum Schlafengehen den Arbeiterinnen und Arbeitern nahe zu sein, um die müden, durch den Alltag abgestumpften Seelen zu erwecken und ihnen von der neuen nicht mehr fernen Gesellschaftsordnung zu sprechen. Es waren dänische Studenten, die sich in der Zeit der nationalen Bewegung in dänischen Dörfern ansiedelten, um die Nationalsprache, die Lieder und Sagen des Volkes wieder zu neuem Leben zu erwecken. Es waren finnische Studenten, die dem finnischen Bauern in seiner Not beistanden, die die Genossenschaftsbewegung unter den Bauern organisierten. Es waren englische Studenten, die sich in den Armengegenden Londons ansiedelten, um an der Befreiung der Volksgenossen von Armut und Laster zu helfen. Sie gaben damit den Anstoß zur Settlementbewegung, die seitdem Hunderttausenden von arbeitenden Männern und Frauen und deren Kindern, in England und Amerika, Gelegenheit zu einem menschenwürdigeren Dasein bot. Es waren amerikanische Studenten und Studentinnen, die als Vorkämpfer der Settlementbewegung in Amerika als erste den Kampf gegen das Elend der Einwanderermassenaufnahmen.— Was aber haben wir westjüdischen Studenten getan, die wir uns in sträflichem Dünkel als Führer des Volkes gebärdeten? So wenig Taten, die nicht von Eigenfreude und Betriebsamkeit, sondern von Opfer- und Hingabe zeugten, daß uns im Rausch der Lieder und Worte das Wort im Halse stecken bleiben müßte. Und Frauen, jüdische Frauen und Mädchen, die geschaffen sind, um Sonne in die Stuben der Armen zu bringen, Frauen, auf die Millionen Kinder unseres Volkes im Verlangen nach einem lichteren Dasein warten, kommen nach Art der Studenten zu Diskussionen, Kursen und Vorträgen über Judentum und Zionismus zusammen, und töten so durch leblose Worte langsam ihre warme Frauenseele. Möchte man nicht überhaupt das Nationalbewußtsein der westjüdischen Jugend und all die Worte von der Einheit des Volkes für eine widerwärtige Lüge halten, wenn man erfährt, daß in Polen und Galizien unser kostbarstes Gut, die Jugend, zu Zehntausenden verhungert und verkommt, daß in Lemberg zehnjährige Jungen aus Not Mädchenhandel treiben, während die sogenannte volksliebende, eifrig diskutierende oder fröhlich wandernde West-Jugend ihre Augen schließt vor der Not des Vblkes und sich an der Hoffnung berauscht, daß in Palästina einmal bessere Zeiten kommen werden? Wahrlich, das Problem: „Wie hilft eine nationale Studentenschaft ihrem unglücklichen Volke mit dem geringsten Aufwand an Kraft und Hingabe?" hat die jüdische Studentenschaft vorbildlich Heft 5. 14

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