Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 208 (sequence 2)
- Language
- German
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208 Siegfried Lehmann: im neuen Lande ihnen Gelegenheit gegeben ist, dem Volke zu dienen, sondern die schon heute in den Jahren, in denen die Sehnsucht nach Umgestaltung am heißesten im Herzen der Jugend brennt, und schon hier an dem Aufbau des neuen Volkes, der neuen Welt mitschaffen wollen. Denn Nationalist sein ist nicht nur ein Bekenntnis, sondern unbedingte Forderung, uns mit unserem Leben einzusetzen für die Vervollkommnung unsres Volkes. Und dieser Auffassung des Nationalismus entsprachen auch die Taten der nationalgesinnten Jugend anderer Völker. Was aber hat die nationalgesinnte jüdische Jugend bis heute getan, um den Forderungen nachzukommen, die man in Rußland oder in Dänemark oder in Finnland an die nationalgesinnte Jugend stellte? Was haben wir anderes getan, um unserem Volke, das im Elend lebt, zu helfen, als geredet und wieder geredet, agitiert und und uns organisiert? Wir haben uns mit den Gesinnungsgenossen am Abend oder beim frohen Wandern an Liedern berauscht, die von der strahlenden Auferstehung unseres Volkes handelten, — und haben nicht mehr wie einen Finger gerührt, um am Aufstieg zu helfen, wo stärker als je wachsende Armut und bitterer Ungeist an unserem Volke frißt Wir redeten unendlich viel von Liebe zum Volke und taten dennoch an ihm keine noch so kleine Tat, die von Hingabe zeugend eine Offenbarung unserer Liebe gewesen wäre. Es muß uns die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn wir von den Taten der volksliebenden Jugend anderer Völker hören. Immer wieder werden wir an diese Taten erinnern, damit wir erkennen, wie kläglich wenig wir jüdischen Studenten, gemessen an den Taten der akademischen Jugend anderer Völker, bisher am Aufbau des Volkes geleistet haben. Es waren junge Studenten und Studentinnen, die im Rußland der sechziger Jahre eine Bewegung ins Leben riefen, die später zu einer gewaltigen Bewegung anwuchs, der Bewegung „zum Volke". In seinen Memoiren schreibt Fürst Krapotkin über diese Jugend: „Das war keine organisierte Bewegung, sondern eine Massenbewegung, wie sie zu gewissen Zeiten, wenn das menschliche Gewissen plötzlich erwacht, vorkommt. Mit Erstaunen erfuhr das ganze Ausland, daß diese jungen Männer, die über ein beträchtliches Vermögen verfügten, zu dreien oder zu vieren in einem Zimmer wohnten, mit zehn Rubeln monatlich ihren ganzen Unterhalt bestritten und dabei ihr Vermögen für korporative Genossenschaften, korporative Werkstätten, in denen sie selbst mitarbeiteten, und dergleichen, ausgaben. Fünf Jahre später taten Tausende und Abertausende und zwar die Auserlesensten der russischen Jugend, das Gleiche. Ihre Losung war; „Wnarodl" (zum Volke, seid Volk!) Vom Dienst im Heer, von den Ladentischen, von den Werkstätten strömten die jungen Männer nach den Universitätsstädten. Mädchen aus den vornehmsten Häusern eilten ohne einen Pfennig nach Petersburg, Moskau und Kiew, voll eifrigen Verlangens, etwas zu lernen. Nun wollten sie aber dies Wissen nützlich anwenden, nicht zu eigenem, persönlichem Gewinn, sondern um dem Volk das Wissen, das sie selbst freigemacht hatte, zu übermitteln. In jeder russischen Stadt, in jedem Viertel Petersburgs bildeten sich kleine Gruppen zum Zwecke der Selbstbildung und des Selbstunterrichtes. An das Lesen schlössen sich endlose Besprechungen, deren Ziel die Lösung der großen ihnen immer vor Augen stehenden Frage war: „Wie können wir uns der großen Masse nützlich erweisen?" Allmählich kamen sie zu der Überzeugung, das einzige Mittel wäre, sich unter dem Volke niederzulassen und am Leben des Volkes unmittelbar teilzunehmen. Nun gingen junge Männer als Ärzte,