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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
Date
1919-01-01
Page
206 (sequence 8)
Language
German
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2o6 Oskar Epstein: Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie erste Übel eintreten. Ich behaupte aber, daß dies nur insolange richtig ist, als die Bewohner des Örtes noch nicht eingesehen haben, daß die Beeinträchtigung meines persönlichen Rechtes, meinem Wesen entsprechend zu leben, die Beeinträchtigung aller bedeutet. Denn alles wahre Glück beruht auf menschlicher Verbundenheit. Warum können wir uns so schwer vorstellen, daß ein Mensch einsieht, wie die Bedrückung des Nächsten sich unter allen Umständen nicht nur an den Bedrückern, sondern auch an allen in dem Maße rächt, als sie mit dem Bedrückten in Beziehung stehen? Es ist dies deshalb der Fall, weil wir uns nicht die Kraft zutrauen, über unser eigenes Selbst hinauszuwachsen und es dadurch zu erhöhen. Wie gründlich der Unglaube bezüglich der eigenen Fähigkeit ist, Gerechtigkeit zu üben, kann man am besten erkennen, wenn man das Gefühl, aus dem etwa die Propheten gegen die Ungerechtigkeit eifern, mit dem eines europäischen Sozialisten vergleicht. Dieser un erscheidet sich eben von jenen dadurch, daß er selbst das Recht zu seinen eigenen Gunsten beugen würde, wenn er die Macht desjenigen hätte, der es jetzt zu seinen Ungunsten beugt. Und um diese Macht zu erlangen, ruft er eben: „Proletarier aller Länder, vereiniget euch." Weil aber atavistisch noch das Ideal einer einfach von allen gewollten und alle befriedigenden Gerechtigkeit in ihm nachklingt, so fügt er hinzu, wenn der Machtwechsel vollzogen sei, dann werde die wahre Gerechtigkeit durch irgendeinen Ausgleich schon irgendwie kommen. Was will ich also an Stelle des mechanistischen Sozialismus? Man wird es vielleicht Erziehung nennen. Ich hätte nichts gegen diese Bezeichnung einzuwenden, wenn 'man nur nicht, wie es leider häufig üblich ist, darunter irgendeine Art von Überredung versteht. Daß ich an Stelle der Mechanisierung Erziehung will, ist in dem Sinne wahr, daß ich glaube, daß eine glückliche Änderung der wirtschaftlichen Beziehungen ohne eine Änderung der menschlichen Gesinnung unmöglich ist. Ich habe aber nichts mit jener Auffassung gemein, die etwa Schiller z. B* in den „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" vertritt, welche eine geistige Beeinflussung des Menschen verlangen, bevor er überhaupt in die Wirklichkeit eingreift. Es gehört zu meinen fruchtbarsten Erkenntnissen als Lehrer, daß alle tiefgreifende Beeinflussung des menschlichen Geistes immer irgendwie auf die Wirklichkeit des Alltags zurückgeht. Und gerade die Ausnahme der jüdischen Galutherziehung sollte uns trotz ihrer Ehrfurcht einflößenden Größe vor jeder Verkennung dieses Grundsatzes bewahren. Der geistig gerichtete Mensch muß den Anspruch darauf erheben, unverzüglich ins Leben einzugreifen, es zu wandeln und seinen Gedanken durch die engste Berührung und unmittelbare Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit jene Schlagkraft zu geben, deren Fehlen so sehr die Geistigkeit der uns umgebenden Welt charakterisiert. Kehren wir zu dem Beispiel des palästinensischen Fabrikanten zurück, der mich nach der Überzeugung meines Gegners vergewaltigen kann, weil ich es ablehne, mich durch mechanistischen Sozialismus gegen ihn zu schützen. Ich behaupte nun, wenn die Bewohner der betreffenden Stadt die Unzufriedenheit mit den Lebensverhältnissen nicht mehr werden damit erklären können, daß sie eben „im Galuth" sind, und wenn sie den Ausweg auch nicht mehr in einem mechanistischen Sozialismus sehen werden, dann werden sie alles Menschenglück in Verbundenheit und in Brüderlichkeit sehen. Sie werden dann denjenigen, dem es in bestimmten Fällen an den Mitteln gebricht, seinem Wesen entsprechend zu

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