Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 205 (sequence 7)
- Language
- German
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Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie 205 mus ihre innersten Triebfedern sind. So war auch der Spartakusaufstand des Altertums, an den die heutigen Sozialisten Europas auffallender Weise erinnern wollen, keineswegs der Anfang einer besseren Zeit. Er leitete die Auflösung des Altertums ein, aus der die Menschheit ohne „das Gift aus Judäa", wie unter anderen der tschechische Dichter Machar das Christentum nennt, nimmermehr einen Ausweg gefunden hätte. Und es ist wohl kaum nötig, darauf hinzuweisen, daß die Gedankenwelt jener Demokratie, die in den Sklavenkriegen und den damit zusammenhängenden anderen Bewegungen zuerst sich äußerte, gerade mit dem fruchtbarsten Kern der aus Palästina kommenden Lehre nichts zu tun hatte. Eines verhüllt noch die Erkenntnis, daß wieder, aber reiner und voller, das Heil von den Juden kommen muß. Die vollkommene Unfähigkeit der europäischen Demokratie, ein Leben der Gerechtigkeit aufzubauen, tritt deshalb nicht klar zutage, weil sie noch immer von den alten Ordnungen zehrt. Und so ist anzunehmen, daß aus den Resten jenes alten, kapitalistischen, imperialistischen Geistes und aus dem neuen mechanistischen Sozialismus eine neue, wenn auch sehr provisorische Lebensform emporsteigen wird. Hat sich ja aus den Resten des französischen Feudalismus, der französischen Revolution das Reich Napoleons erhoben, ebenso wie einst aus den Erschütterungen der ersten Spartakisten und dem Rest alten republikanischen Römertums mehr als vier Jahrhunderte Cäsarentum emporgestiegen sind. Was aber würde mit uns geschehen, wenn wir uns dem europäischen Sozialismus anvertrauen wollten? Es würde das aus uns werden, was aus uns geworden wäre, wenn wir beim Zusammenbruch unserer Gestaltungskraft auch den Glauben aufgegeben hätten, daß es uns, wenn auch nach noch so langer Zeit, endlich gegönnt sein wird, die tiefsten Ziele unserer jüdischen Seele, das gerechte Leben auf Erden zu verwirklichen. Denn die Tage der Hoffnung sind nunmehr zu Ende, wie Hugo Bergmann in seinem Aufsatz „Die wahre Autonomie" jüngst im „Juden" hervorgehoben hat; so gilt nichts anderes mehr als die Verwirklichung. Und bis in Jahrzehnten, vielleicht auch in Jahrhunderten die Unfähigkeit der europäischen Demokratie, ein neues Leben zu zimmern, klar hervortreten wird, dann müssen wir durch das unsere den Völkern Europas und Amerikas den Ausweg zeigen. Ich will an einem Beispiel darlegen, wie ich mir in den Grundzügen das neue Leben denke. Ich versetze es nach Palästina, da dort die Komplikationen der Diaspora wegfallen, in der alle Wirklichkeit eine Resultante aus unserem Wollen und unseren Hemmungen einerseits und dem Wollen und den Hemmungen der Umwelt andrerseits darstellt. Ich stelle mir vor, daß ich in eine palästinensische Kleinstadt gekommen bin, wo ich gezwungen bin, bei einem jüdischen Fabrikanten als Beamter einzutreten. Im Sinne der vorstehenden Ausführungen lehne ich es also ab, im Hinblick auf nationale Notwendigkeiten ein übertünchtes Proletarierdasein zu führen, damit z. B. die Frau des Fabrikanten nach Paris fahren kann, um einen Hut zu wählen, und so weiter. Ich lehne es aber auch im Sinne der voranstehenden Ausführungen ab, daß meine wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Fabrikanten durch einen Vertrag geregelt werden, der mehr oder weniger dem Ideal mathematischer Gleichheit bei der Beteiligung am Erträgnis zusteuert. Da werden nun die Ungläubigen sagen, wenn ich nicht den zweiten Ausweg wolle, so müsse in der Wirklichkeit unter allen Umständen das