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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
Date
1919-01-01
Page
207 (sequence 9)
Language
German
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Siegfried Lehmann: Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke 207 leben, diese Mittel mit der rechten Brüderlichkeit zur Verfügung stellen. Und da wird man etwas erfahren, was man jetzt leider so oft übersieht. Der Glanz des Hutes, den die Frau Fabrikantin sich aus Paris geholt hat, geht zum größten Teile darauf zurück, daß für seinen Geldwert vielleicht ein junger Mann in derselben Stadt hätte nach Italien gehen und ein großer Künstler werden können, während er sich jetzt in innerer Glut verzehrt. Wer nur genug Phantasie hat, um dieses Beispiel so oft zu vervielfachen, als es in einer kleinen Stadt vom wirklichen Leben vervielfacht wird, der'wird verstehen, daß durch Erkenntnis der Wechselseitigkeit menschlichen Glücks, durch die daraus folgernde, gegenseitige, brüderliche Hilfe und was sich ebenfalls daraus ergibt, durch die Einschätzung des Menschen nach der lebendigen beglückenden Kra ft seiner Seele ein Zustand geschaffen werden muß, wo jeder seinem Wesen entsprechend leben kann. Daß dies nur insoweit geschehen kann, als es die Mittel der Allgemeinheit erlauben, ist kein Einwand. D nn was uns aus diesem Grunde versagt ist, empfinden wir bekanntlich nie als Druck oder als Ungerechtigkeit, sondern wir empfinden als solche immer nur die Engherzigkeit und Kleinlichkeit des andern, weil wir zutiefst fühlen, daß sie allein uns um die volle Freude an unserem Leben bringen* Und es gibt keinen andern Weg, diese volle Freude am Leben wiederzugewinnen, als den, diese Kleinlichkeit und Engherzigkeit zuerst bei sich selbst zu beseitigen, und dann immer mehr Menschen zu helfen, sie durch brüderliche Hilfe und ebenso brüderliche Belehrung zu überwinden. Prag Oskar Epstein Die Verteilung der Güter nach dem Wesensanspruch, d. h. nach den Erfordernissen der freien Wesensentfaltung ist gewiß das ideell vollkommene System. Da es aber nicht auf objektiv feststellbaren Maßen und Kriterien, sondern allein; auf einem von keiner Eigensucht mehr gehemmten Einander-Erkennen und Einander-Anerkennen der Menschen, verbunden mit zureichender Selbsterkenntnis* und Selbstzucht, gegründet werden kann, ist seine notwendige Voraussetzung eineinnere Umwandlung von Grund aus, wie sie nur: von dem Eintritt neuer religiöser Kräfte in die Geschichte bewirkt werden kann, aber, bisher auch von ihnen jeweilig nur für eine kleine Schar, eine kurze Frist und auch dies nicht ohne: Widerstände und Trübungen bewirkt worden ist. Wohl erhoffen wir an dieser Geschichtswende Größeres; aber wir müssen wissen, auf wie Unerhörtes diese^ unsere Hoffnung geht. DIE STELLUNG DER WESTJÜDISCHEN JUGEND ZUM VOLKE*) Wir wenden uns an die wahrhaft jungen Menschen der nationaljüdischen. Bewegung, die des ewigen Redens und Sichgefallens in ihren Worten müde sind und nach Tat und jugendlicher Hingabe verlangen, an diejenigen unter der Jugend, die nicht warten wollen, bis im späteren Alter irgendwann einmal *) Einer demnächst erscheinenden Schrift Siegfried Lehmanns über die jüdische Settie* ment-Bewegung entnehmen wir diese einleitenden Ausführungen. (Anm. d. Red.) Nachbemerkung des Herausgebers

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