Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Oskar Epstein: seelischen Zentrum aus wird der ganze Mensch in Bewegung gesetzt und in Bewegung erhalten. Grundsätze, die dieses seelische Zentrum schädigen, ja lahmlegen, müssen den ganzen Menschen schädigen und lahmlegen und seine wirtschaftliche Kraft und Fähigkeit ebenso. Wollen wir von dem Kerngedanken der Sozialdemokratie und den mit ihr verwandten Richtungen zu einer wirklich befreienden Gemeinschafts- und Wirtschaftsauffassung vordringen, dann müssen wir die gemeinsame, ungesunde Wurzel suchen, der die beiden erwähnten Auffassungen entspringen. Man kann diese Wurzel ganz kurz mit dem Worte Mißtrauen bezeichnen. Und wenn wir dies tun, dann haben wir auch insofern Bedeutendes zur Klärung beigetragen, daß die Gedankenwelt der Sozialdemokratie in die nächste Nähe ihrer scheinbaren und größten Feindin, des Kapitalismus gerückt erscheint. Er ist ebenso wie sie ein Kind des Mißtrauens. Herr Abraham Grünberg aus Siedice, dem ich so manche Klärung in dieser Richtung verdanke, hat darauf bei einer Einrichtung hingewiesen, die dem im Kriege so groß gewordenen Staatssozialismus entspringt: der Brotkarte. Auf jeder Brotkarte stand zu lesen, daß deren Mißbrauch mit den und jenen Strafen belegt wird. Herr Grünberg wies mit Recht darauf hin, daß die Übergabe einer derartigen Brotkarte doch eine furchtbare Verletzung der Menschenwürde sei. Das Mißtrauen gegenüber den Mitmenschen ist aber in der europäischen Gemeinschaftsgesinnung — und der entspringt ja sowohl jene Sozialdemokratie, als auch jener Kapitalismus, von denen ich rede — so selbstverständlich geworden, daß man selbst in so krassen Fällen auf sein Vorhandensein erst aufmerksam machen muß; gilt diese Feststellung im Grunde genommen doch fast für jedes öffentliche Dokument, das wir in die Hand bekommen. Es geht auf die Überzeugung zurück, daß im ^Grunde genommen jeder Mensch von Natur aus schlecht sei. Die beiden Tendenzen, die also der gleichen Wurzel entstammen, die Sozialdemokratie und der Kapitalismus, unterscheiden sich nur durch die Art, wie sie bei der Berücksichtigung jener angeblichen bösen Natur des Menschen ein Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen suchen. Der Kapitalismus will die angeblich natürliche Rücksichtslosigkeit und Bosheit des Menschen dadurch vor den übelsten Folgen bewahren, daß er seine durch ein konventionelles Gleichgewicht historisch gewordenen Machtverhältnisse einschränkt. Die Sozialdemokratie und mit ihr alle Abarten des europäisch-amerikanischen Sozialismus und der europäischamerikanischen Demokratie suchen jene angebliche Rücksichtslosigkeit und Bosheit des Menschen durch die Festlegung anderer Grundsätze zu paralysieren. Diese Grundsätze sind, wie wir schon sagten, der der mathematischen Gleichheit und der der Tüchtigkeit als Schlüssel bei der Verteilung der wirtschaftlichen Güter. Daß dieser wahre Charakter der Sozialdemokratie so schwer zu erkennen ist, muß auf die Tatsache zurückgeführt werden, daß unser ganzes Leben selbst auf Mißtrauen aufgebaut ist. So können wir uns nun eine andere Grundlage des Lebens überhaupt nicht mehr vorstellen. Dies um so weniger, als der einzelne Mensch dieses System der Gemeinschaft nicht zu ändern und nicht zu zerbrechen vermag, denn nur die Gemeinschaft vermag dies* Da die Gemeinschaft aber wieder nur aus Einzelnen besteht, so verzichtet sie seit langer, langer Zeit immer mehr darauf, die kostbarsten Kräfte menschlichen Vertrauens zu sich und zum andern wieder zur Grundlage des Lebens zu machen. Und da die