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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 201

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
Date
1919-01-01
Page
201 (sequence 3)
Language
German
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Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie 201 wie es bei den jetzigen wirtschaftlichen Krisen der Fall ist, dann ist alle Aussicht vorhanden, daß sie eine neue Art der Verteilung der wirtschaftlichen Güter erzwingen. Und wenn die Massen nicht zu einer schöpferischen Tat aufgerufen werden, dann können sie nichts anderes tun als das, wozu sie keiner schöpferischen Kraft bedürfen, das Mechanische* Darum hat die mechanische Verteilung der wirtschaftlichen Güter die größte Werbekraft gerade in der plumpsten Form, als Grundsatz mathematischer Gleichheit. Freilich hat die volkstümliche Kritik an der Sozialdemokratie aus einem gesunden Instinkt gerade an diesem Punkte eingesetzt. Der Grundsatz mathematischer Gleichheit bei der Verteilung wirtschaftlicher Güter ist schon deshalb nicht restlos durchzuführen, weil verschiedene Menschen mit diesen wirtschaftlichen Gütern verschieden umgehen. Und man beobachtet, daß das Gefühl der ungerechten Behandlung nicht auf den verschiedenen Anteil an . den wirtschaftlichen Gütern zurückgeht, sondern auf die Feststellung, entbehren zu müssen, was man mehr braucht als ein anderer, während dieser nicht nur dies, sondern auch noch das zur Verfügung hat, was er weniger braucht als sein minder begünstigter Mitmensch. Daher hat man an die Stelle der Forderung nach mathematischer Gleichheit bei der Verteilung wirtschaftlicher Güter vielfach die Forderung gesetzt, die wirtschaftlichen Güter nach dem Grundsatze der Tüchtigkeit, d. h. der Leistung zu verteilen. Damit glauben die, welche sich der Unnatürlichkeit und der daraus folgenden Ungerechtigkeit der mathematischen Gleich*- heit bei der Verteilung der Güter bewußt sind, eine natürliche und daher gerechte Art der Verteilung gefunden zu haben. Wendet man gegen diesen Grundsatz ein, daß dies ja nur der Grundsatz des wirtschaftlichen Liberalismus sei, so weisen sie darauf hin, daß der Grundsatz der Verteilung wirtschaftlicher Güter nach der Tüchtigkeit durch das Erbrecht und was mit ihm zusammenhängt, bisher durchbrochen war; erst nach dessen Abschaffung werde die rückhaltlose Anerkennung der Tüchtigkeit die volle segensreiche Wirkung auf das Gemeinschaftsleben zeitigen. Wohl haben diese damit recht, daß der Grundsatz der Tüchtigkeit bei der Verteilung der wirtschaftlichen Güter durch das Erbrecht und was damit zusammenhängt, eingeschränkt wurde. Sie vergessen aber, daß die Anwendung dieses Grundsatzes nur durch diese Einschränkung möglich wurde. Denn ohne diese Einschränkung würde das ganze Leben des Menschen auf die Leistung eingestellt werden und man kann sich nichts Entseelenderes vorstellen, als ein Leben, daß auch nur hauptsächlich auf die Leistung eingestellt ist. Martin Buber sagt darüber (Ereignisse und Begegnungen, Leipzig 1917, S. 70f.): „Die Geschicklichkeit hat so überhand genommen, daß die Fiktion sich den Rang des Realsten anmaßen darf. Und die Überschätzung der Leistung, die unsere Zeit heimgesucht hat, ihr pantechnischer Blick, ist zu so wahnwitziger Ausschließlichkeit gediehen, daß es schon Leistende gibt, die ihr Organ zur Wucherung ausarten lassen, um der Forderung des Tages genugzutun. Was die andern, die Betrüger von Geburt, niemals hatten, das geben sie preis: den Wurzelboden eines wahrhaft gelebten Leben. Sie meinen, wollen, zuletzt enthalten sie nichts anderes als Leistung." Diese Worte gelten schon von einer Zeit, in welcher der Grundsatz der Leistung noch nicht alleinherrschend war. Wie verheerend würde er sich erst in einer Zeit äußern, wo ihm kein entgegengesetztes Prinzip entgegenstünde. Und diese verheerende Wirkung muß sich unfehlbar auch im Wirtschaftlichen äußern. Denn vom

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