Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 200 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Oskar Epstein: es sich nur um den Schein des Gegenteils handelt. So zitiert Lenin (Staat und Revolution, deutsch im Verlag der Aktion, Berlin-Wilmersdorf 1918, S. 89) aus Marx: „In'einer höheren Phase der kapitalistischen Gesellschaft kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen!" Das deckt sich ganz genau mit dem, was wir als unseren Sozialismus dem marxistischen in diesen Zeilen gegenüberstellen wollen. Man beachte aber schon das Wörtchen „kann"! Aus den Gedankengängen des Marxismus heraus muß überdies Lenin fü* „die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft" doch die Verteilung der wirtschaftlichen Güter nach rein mechanischen Gesichtspunkten verlangen, und er sagt in der genannten Schrift (S. 93): „Welche Etappen die Menschheit auf dem Wege zu diesem höheren Ziele (dem oben von Marx charakterisierten) wird durchschreiten müssen, welche praktischen Maßnahmen sie hierzu wird ergreifen müssen — wir wissen es nicht und können es nicht wissen." In welcher Nebelhaftigkeit für die Sozialdemokratie der Übergang von der klar angestrebten mechanischen Verteilung der wirtschaftlichen Güter (vgl. z. B. in der Leninschen Schrift S. 101) zu der nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen liegt, welche angeblich, wenn auch für eine spätere Zukunft, ebenfalls angestrebt wird, zeigt uns auch folgende Stelle aus dem erwähnten Buche Lenins (S. 83): „Nur die Gewöhnung kann und wird zweifellos eine solche Wirkung ausüben." (Daß nämlich die Menschen die gegenseitigen Fähigkeiten und Bedürfnisse erkennen und anerkennen!) Wenn man mit dieser Unklarheit eines allzu kindlichen Glaubens an die Gewöhnung die Klarheit vergleicht, die überall dort herrscht, wo es sich um den Übergang von den heute geltenden, historisch gewordenen Verteilungsmethoden zu der mechanischen Verteilung der wirtschaftlichen Güter in der „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft" handelt, so kann sich wohl niemand dem Eindruck entziehen, daß die mechanische Verteilung der wirtschaftlichen Güter ebenso sehr ein organischer Bestandteil des sozialdemokratischen Gedankengebäudes ist, wie die nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen unorganisch und willkürlich aufgepfropft ist. Die ganze Gedankenwelt der Sozialdemokratie geht ja so deutlich auf das Handgreifliche und mechanisch Machbare, daß der subjektive, seelische Faktor, der an jener Stelle von Marx für die „höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft" gefordert wird, nur das richtige Empfinden verrät, daß das ganze Gedankengebäude der Sozialdemokratie hier eben seinen verhängnisvollen Konstruktionsfehler hat. Die Sozialdemokratie hat mit scharfem Auge erkannt, daß der Anteil an den wirtschaftlichen Gütern für die wesenhafte Stellung des einzelnen Menschen unvergleichlich wichtiger ist als alle politischen Rechte zusammengenommen. Um aber den unausweichlichen, seelischen, subjektiven Faktor bei der Verteilung der wirtschaftlichen Güter auszuschalten, hat sie der Form nach zunächst, in Wirklichkeit aber für immer darauf verzichtet, die Verteilung gerechter zu gestalten und hat an die Stelle der gerechten Verteilung die mechanisch geordnete gesetzt. Sie hat dann einfach alle diejenigen vereinigt, die bei der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung einen geringeren Teil der wirtschaftlichen Güter erhalten als die vom Glücke Bevorzugten. So hat sie vor dem Sozialismus, den wir weiter unten als den der jüdischen Wiedergeburt skizzieren wollen, den Vorsprung der sofortigen Aktion gewonnen. Denn wenn die Benachteiligten so vermehrt werden,