Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Nationalismus und Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Z98 Robert Weltsch: Nationalismus und Sozialismus Macht steht seinem Wesen nach im Brennpunkt des Nationalismus, sondern der Mensch. Es muß hier mit allem Nachdruck gesagt werden, daß diese Feststellung nicht im entferntesten eine Geringschätzung der Politik enthält. Im Gegenteil; es wäre unsinnig, ihre große Bedeutung in Abrede stellen zu wollen. Sie schafft unserer heutigen soziologischen Situation gemäß in schwerer Arbeit die Vorbedingungen für die Entfaltung des Gemeinschaftslebens. Nur dagegen soll hier gesprochen werden, daß sie unversehens für das Leben selbst genommen wird. Die eigentliche Arbeit jedes Einzelnen beginnt im Leben, seine Aufgabe liegt in der Lebensentfaltung, in seiner Bewährung, im Standhalten gegenüber allen Anfechtungen der korrumpierenden Welt und in seinem persönlichen Tun zur Verwirklichung der Idee. Dieses Tun hat nur Sinn als ein unmittelbares, nicht aber etwa als zeitweise (etwa bei Versammlungen sich äußernde) Begeisterung über sich selbst und über die Arbeit, die der politische Führer geleistet hat. Die Politik gehört zu den technischen Angelegenheiten, die erfüllt werden müssen, wie es deren analoge auch im persönlichen Leben vielfach gibt. Aber das Gemeinschaftsleben selbst ist sie nicht. Sie schafft den Rahmen für das Leben des Volkes, aber für die Gestaltung dieses Lebens und für sein wirkliches Gesicht sind alle Individuen verantwortlich. Alle Individuen: mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Charakter, ihren Fähigkeiten, ihrem Wesen; mit dem was sie sind. Darum ist Nationalismus vor allem das Gebot, wahrhaft zu sein. Wehe der Politik, die dieses Gebot verschleiert! Es ist ganz widersinnig, wenn zuweilen die Behauptung aufgestellt wird, durch die Erinnerung an diese Wahrheit halte man die Menschen von der Politik ab und schädige die Sache des Volkes. Wir glauben, daß allen Angehörigen des Volkes obliegt, an der nationalen Politik teilzunehmen, etwa bei Wahlen usw. in selbstverständlicher Pflichterfüllung mitzuarbeiten. Aber es ist unerläßlich, daß dabei kein Zweifel darüber bestehe, daß durch diese Tätigkeit im Grunde noch nicht das Geringste von den persönlichen Verpflichtungen des Einzelnen dem Volke gegenüber erfüllt ist. Nur wenn die politische Arbeit mit solchem ungebührlichen Anspruch auftritt, muß sie abgelehnt werden. Der jüdische Nationalismus ist nicht so bescheiden, daß er sich mit Abgabe eines Stimm2ettels begnügt. Wenn man den jüdischnationalen Abgeordneten wählt und dabei ruhig und selbstzufrieden weiter seine Wuchergeschäfte betreibt, so hat man das jüdische Volk verraten. Es darf, sofern nicht der ganze Sinn des jüdischen Nationalismus verrauchen soll, nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der Wucherer und der Kaffeehausspieler und der aufgeblasene Nichtstuer und Wichtigtuer in unserem Tempel nichts zu suchen haben; daß wir niemand von der Verpflichtung entheben, das Heiligtum unserer nationalen Gemeinschaft rein zu halten; daß, wer den Stimmzettel abgegeben hat, nicht etwas Endgültiges geleistet hat, sondern erst in die Vorhalle der Verpflichtungen eingetreten ist; daß der jüdische Nationalist sich nicht in der Politik bewährt, sondern in der Gemeinschaft des Lebens; daß, wer jüdisch-national ist, notwendig Sozialist sein muß* Nationalismus ist die Erkenntnis einer Tatsache; Sozialismus ist eine Forderung des Ethos. Aber beide Ideen sind die Zielpunkte unendlicher Prozesse. Die Idee des Nationalismus meint: wesentlich werden. Die Idee des Sozialismus meint: die wahrhafte Gemeinschaft verwirklichen. Im persönlichen Leben müssen die Ideen sich durchdringen.