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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 197

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Nationalismus und Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
197 (sequence 5)
Language
German
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Nationalismus und Sozialismus 197 Gruppe von Menschen glaubte, durch organisatorische, technische, mechanische, wirtschaftliche Maßnahmen den Sozialismus verwirklichen zu können, der ein geistiges und kein wirtschaftliches Ideal ist; sie bediente sich dazu des Zwangsmittels des Staates, dem sie alle Gewalt und die wesentlichen Funktionen vindizierte. So tritt dieser Sozialismus, der keiner ist, ganz in die Fußtapfen seiner Vorgänger; er ist die konsequente Fortsetzung der politischen Reaktion und des staatsvergötternden Absolutismus, und stammt ideologisch — sofern man nicht von dem Programm sich blenden läßt, sondern die formalen Grundlagen prüft — in direkter Linie von dem aufgeklärten Rationalismus und politischen Nationalismus früherer Epochen ab. Auch er führt Begriffe ein anstatt der Wirklichkeit; auch er setzt eine Doktrin für das Leben; auch er weiß nichts von den Grenzen aller organisatorischen Handlung und aller politischen Wirkung. Auch er geht an dem Wesentlichen vorüber. Dies ist die große Gefahr jeder Politik. Sie lenkt die Menschen von der Aufgabe ab, die sie selbst, in ihrem Leben, zu erfüllen haben, indem sie ihnen als Gewissen stärkenden Ersatz den fertigen Paragraphen eines Parteiprogramms serviert. So wird die Politik und ihre Erfolge fiktiv, die Idee verflüchtigt sich in Manifeste und Parteischemata, das Leben aber geht nebenher seinen Weg. Und immer wieder bricht die Idee ins Leben ein und versucht die Revolution, und immer wieder wird ihre Bahn durch die Politik verbarrikadiert, die ihren Namen führt. Diese Polarität der Idee und ihrer organisatorischen Verzerrung veranschaulicht die berühmte Erzählung Iwan Karamasoffs vom Großinquisitor (siehe Franz Werfeis geniale Interpretation im Essay „Die christliche Sendung")« In ihr liegt die größte Gefahr auch für unsere politischen Ziele. Wer nicht ganz der Pflicht der Wahrheit sich bewußt ist, kann dem negativen Pol verfallen, während er dem positiven zu nahen vermeint. Dies sollte die Jugend bedenken, die heute aus dem nationalen Lager in die sozialistischen Parteien tendiert, oder doch wenigstens einen Primat des Sozialismus vor dem Nationalismus proklamiert und beide Begriffe in ihrer politischen Bedeutung meint; denn während sie dem politischen Sozialismus unversehens den wahren Sozialismus substituiert, sieht sie, der die nationale Zugehörigkeit schon selbstverständlich geworden ist, im Nationalismus nur die politischen Verzerrungen. Diese Unzufriedenheit mit dem Nationalismus, der ihr „verbürgerlicht" scheint, ist sehr verständlich; denn es ist nicht zu verbergen, daß auch bei uns der große Haufen der politisierten Masse den wahren Sinn des Nationalismus beinahe vergessen hat. Das zeigt sich in dem Überschieben der persönlichen Verpflichtung auf die „Partei"; in der Befriedigung über politische Erfolge, die als Abschluß und Ziel genommen werden, während sie in Wirklichkeit doch erste Voraussetzung sind. Wir sehen diese Erscheinung schon heute, wo der Zionismus erfolgreich ist und zur Massenbewegung wurde, in der zionistischen Öffentlichkeit häufig genug; besonders dort, wo der jüdische Nationalismus seit der Revolution einen gewaltigen Aufschwung genommen und politische Macht erobert hat, also vor allem wieder in den österreichischen Sukzessionsstaaten. Die Selbstkritik, das Bewußtsein der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit geht den Menschen verloren, weil für sie — die Partei es zu etwas gebracht hat. Dies ist aber nicht Schuld des Nationalismus, sondern es widerspricht geradezu seinem Wesen. Auch hier wird die Idee immer weiter von ihrem Ziel entfernt, weil die Politik das Leben verdrängt. Denn nicht die

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