Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Nationalismus und Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Oskar Epstein: Die jüdische Wiedergeburt und die Sozialdemokratie Läßt unsere politische Zeit Muße zu solchen unpolitischen Betrachtungen? Sie, heischt Parteinahme, und dieser Parteinahme kann sich keiner entziehen, der nicht die finstern Mächte der Selbstsucht stärken will. Aber diese Pflicht des Tages darf uns nicht unserem tieferen Wollen entfremden, darf nicht das Bewußtsein ersticken, daß es im Grunde gar nicht um eine Parteinahme in der Region des Politischen geht, sondern daß die Entscheidung in der Stille des Lebens sich vollzieht. „Die Umwandlung der Gesellschaft" — schrieb der große Jude Gustav Landauer, der von den Schergen sich revolutionär und sozialistisch nennender Politiker bestialisch ermordet wurde, in seinem letzten Vermächtnis — „kann nur in Liebe, in Arbeit, in Stille kommen." Wenn wir in unserer Nation, in dem Kreis, dem wir untrennbar verbunden sind durch natürliche Zugehörigkeit, Ernst machen, so ist das kein Abschließen von der Menschheit, keine willkürliche Verengerung einer allmenschlichen Angelegenheit, sondern die naturgebotene Beschränkung auf das uns Zugängliche. Denn wir wissen, daß die Neuschöpfung von Gemeinschaftsformen nicht ausgeklügelt werden kann, sondern durch Anrufung uralter innerer Kräfte beschworen wird. Dieser Weg nur vermag uns der Menschheit solidarisch zu machen. Nicht Nationalismus oder Sozialismus ist die Frage; sondern wie man beides sieht, darauf kommt es an. Auch hier ist oberste Mahnung, die Freiheit des Geistes gegen die Welt der politischen Begriffe und Schlagworte zu bewahren. Denn es geht um mehr als um Parteifragen, die im Kampf des Tages entschieden werden. Wien Robert Weltsch DIE JÜDISCHE WIEDERGEBURT UND DIE SOZIALDEMOKRATIE Der beispiellose Siegeslauf der Sozialdemokratie über alle Länder ist vor allem dadurch zu erklären, daß sie den schlimmsten Feind menschlichen Glückes zu beseitigen verspricht: die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Würden wir glauben, daß sie dieses Versprechen zu halten imstande ist, dann müßte die Bewegung der jüdischen Wiedergeburt sich viel inniger mit der Sozialdemokratie verbünden, ja, sie müßte mit ihr zusammenwachsen. Denn wir wissen, daß unser wiedergeborenes Volkstum größere Gerechtigkeit bedeuten muß, daß es ohne eine solche überhaupt nicht bestehen kann. Die Frage also, ob die Bestrebungen der Sozialdemokratie bedeuten, Gerechtigkeit zu stiften, d. h. die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu verhindern, ist für uns, die wir uns mit Stolz und Verantwortungsbewußtsein *ls die Träger der jüdischen Erneuerung fühlen, von äußerst dringlicher Bedeutung, Wollen wir, ohne in der Ungeheuern Flut sozialistischer Literatur zu versinken, <fen innersten Kern der Sozialdemokratie erfassen, so müssen wir sagen: Die Sozialdemokratie will die Verteilung der wirtschaftlichen Güter nach rein objektiven d. h. mechanischen Gesichtspunkten. Gewiß gibt es viele Äußerungen führender Sozialdemokraten, die dieser Formulierung Unrecht w geben scheinen, doch wird bei näherer Betrachtung immer wieder klar, daß