Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Nationalismus und Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalismus und Sozialismus 195 wendigkeit politischer Aktivität, die aus der Spannung zwischen der als minderwertig, änderungsbedürftig, unerträglich empfundenen Wirklichkeit und der Idee geboren wird, durchdrungen sind, so scheint es uns doch unerläßlich, die Grenzen der Bedeutung politischen Geschehens als eines Mittels der Idee fest im Auge zu behalten, und gerade in politisch so bewegter Zeit wie dieser immer wieder zur Besinnung auf die Voraussetzungen aller Politik, zu einer Art Metapolitik aufzurufen, den Wert der Mittel an dem Wert der Idee, die Geltung der Begriffe an der Wirklichkeit des Lebens nachzuprüfen. Der Gegensatz Nationalismus — Sozialismus stellt sich genetisch so dar: Das vom Rationalismus der Aufklärung innerlich ausgehöhlte, vom Individualismus isolierte und erschöpfte, des rücksichtslosen „Daseinskampfes" der liberalen Ära müde, seines egozentrischen, materialistischen, ehrfurchtslosen Lebens schaudernd innewerdende Individuum sucht in schmerzlicher Sehnsucht die verlorenen Zusammenhänge wieder; das Bedürfnis nach Gemeinschaft wird riesengroß; die Einsicht der vergeudeten Lebenskraft zwingt zur Einstellung des eigenen Lebens in eine höhere, über die Lebensspanne hinausreichende Einheit. So findet der Jude in Stunden der Verzweiflung und Erhebung in sich das Volk; die Zugehörigkeit zu ihm wird ihm ein Erlebnis von stärkster dynamischer Wirkung. Erst durch diese Bejahung überindividueller Zusammenhänge wird das Chaos seiner Seele zu sinnvoller Ordnung gebracht. Das — oft unbewußte — Gott Verlan gen, das in diesem Chaos brannte, wird durch dieses Sichhineinstellen in ein soziales Ganze gestillt. Georg Simmel hat auf die Analogie zwischen dem religiösen Verhalten und dem Gefühl der Abhängigkeit von einem sozialen Organismus hingewiesen: „Das Individuum fühlt sich an ein Allgemeines, Höheres gebunden, aus dem es fließt und in das es fließt, dem es sich hingibt, aber von dem es auch Hebung und Erlösung erwartet, von dem es verschieden und doch auch mit ihm identisch ist." Dieser nun gewonnene Nationalismus erfüllt tatsächlich in gewissem Sinn die Funktion einer Religion; er ändert mit einem Male das gesamte Weltbild und tritt in das Zentrum des Lebens, von hier aus auch die Taten des Menschen fortab bestimmend. Für den Juden, dessen Volk in ganz anormaler Situation ist, ist dieses Bewußtwerden noch bedeutungsvoller als für irgend einen anderen Menschen; denn ihm war seine Zugehörigkeit bis dahin durch allerhand Rankwerk fremder Kulturen verdeckt und die Erkenntnis gibt ihm erst sein volles Ich zurück; und darüber hinaus erwächst gerade ihm aus der Beziehung zum Volk ein Komplex von Pflichten und Aufgaben, deren er sich nicht entschlagen kann. Aber wenn er nun daran geht, an der Erlösung seines Volkes mitzuwirken, so kann er bei der ersten, fundamentalen nationalen Erkenntnis nicht stehen bleiben. Wenn wir unser Volk wieder auflichten wollen, wenn wir ein neues jüdisches Gemeinschaftsleben aufbauen wollen, dann genügt die bloße Formulierung dieses Wollens nur solange es nicht ernst wird. Wird es aber ernst, d. h. soll das jüdische Gemeinwesen Wirklichkeit werden, ist wirklich die Verantwortung in unsere Hand gegeben, dann können wir nicht mehr abstrakte und farblose Wünsche haben, dann müssen wir ein konkretes, inhaltlich bestimmtes Bild der Gemeinschaft haben, die wir schaffen wollen. Wir müssen uns darüber Rechenschaft geben, welche Einrichtung, welche Sitte, welche Gesetze wir aus dem uns bisher bekannten Völkerleben übernehmen, was wir ausschalten, weil es verderblich, was wir neu schaffen, weil es gut und notwendig ist. Wenn die jüdische Nation im entscheidenden Augenblick, in 13*