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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 194

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Nationalismus und Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
194 (sequence 2)
Language
German
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194 Robert Weltsch: daß der Zionismus als politisches Ganzes sich sozusagen einer politisch determinierten Partei verschreibt. Vielmehr ist es Aufgabe der Träger der Bewegung, das Problem in seiner Tiefe zu erfassen und sich mit ihm auseinanderzusetzen; nichts ist gefährlicher als ein Ignorieren der Wirklichkeit, die dann doch unsanft an unsere Tore pochen würde. Und die einzelnen Menschen unserer Bewegung, die im Leben drinstehn, können eine solche Passivität des Zionismus nicht hinnehmen und würden, aus ihren ureigensten Bedürfnissen heraus, andere Wege gehn. Da wird auch der Hinweis nicht helfen, daß der Zionismus nur „nationale" Interessen vertrete und daher in andern Fragen gewissermaßen neutral sei; denn gerade" diese nationale Beschränkung würde von dem Teil des Volkes, der am wenigsten durch materielle Interessen gebunden und am stärksten ideellen Impulsen und umfassenden Ausblicken zugänglich ist, von der Jugend, nur umso entschiedener abgelehnt werden. Die Jugend, die von der Leerheit und Wertarmut des kapitalistischen Zeitalters ernüchtert und unbefriedigt ist, sucht in verzweifelter Abkehr von den alten Kulturformen, solidarisch sich wissend mit dem unterdrückt sich fühlenden Teil der Menschheit, den Anschluß an die radikalen, umstürzlerischen Bewegungen, von denen der Sieg über den verhaßten Feind, den von aller Problematik unberührten, im materiellen Lebensgenuß zufriedenen bürgerlichen Typus erhofft wird. Darum ist die Anziehungskraft gerade der sozialistischen Parteien auch auf jene Elemente eine große, die über die Beziehungen zwischen geistigen, menschlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Kräften sowie über die Zusammenhänge der wirtschaftlichen Formen und der Organisation der Güterproduktion mit den Erscheinungen des Lebens nicht volle Klarheit und programmatische Wünsche haben. Es ist offenbar, daß hier ein seelischer Zustand in politische Form umgesetzt wird, der seinem Wesen nach nicht politischen Ursprungs ist. Und je mehr gerade der jüdische Nationalismus durch den Zwang der Entwicklung zu immer breiterer politischer Entfaltung gedrängt wird, begegnen sich diese Erlebensströme des jungen, erneuerungsdurstigen jüdischen Menschen auf einer Ebene, die ihnen ursprünglich nicht essentiell war, im politischen Betrieb. Dort, wo das Parteiwesen herrscht, kann leicht ein Konflikt entstehen, der gar keine innere Begründung hat; und die Erfahrung lehrt, daß dieser Konflikt sehr akut werden kann und den Sinn unserer jüdischen Bewegung erschüttert: auf der Höhe des politischen Erfolges der nationalen Idee wird bei einem Teil der besten nationalgesinnten Jugend die Präponderanz des sozialen politischen Wollens so stark, daß sie die Schranken nationaler Politik nicht mehr anerkennen zu können vermeint, zumal der bürgerliche Typus das nationale Leben gänzlich zu beherrschen droht. Diese Krise ist in Ländern, wo die nationaljüdische Politik am stärksten und erfolgreichsten gewesen ist, etwa in Österreich, am deutlichsten zutage getreten. Dem unpolitischen Betrachter scheint es aus dieser Wirrnis nur einen Ausweg zu geben: die psychischen Tatsachen aus ihrer politischen Verkleidung auszulösen und zu untersuchen, welche fundamentalen Willenskräfte, welche vitalen Strebungen in dieser Bewegung und dieser Problematik ihren Ausdruck finden. Der unpolitische Betrachter wird schmerzlich empfinden, daß gerade die Jugend heute geneigt ist, ihre Begriffswelt ganz nach der politischen Phraseologie des Tages, oft recht schablonenhaft, zu orientieren und sich dann blindlings in die Knechtschaft dieses Begriffsgebäudes zu begeben. So sehr wir von der Not-

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