Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Nationalismus und Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 193 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NATIONALISMUS UND SOZIALISMUS Eine unpolitische Betrachtung über politische Gegenstände Dem Andenken Gustav Landauers. Die durch den Krieg aufgerührte Atmosphäre Europas ist seit der russischen Revolution eine ganz und gar politische. Im Zeichen des politischen Kampfes werden die Gegensätze von Weltanschauungen ausgetragen; und übertönt von den Gegensätzen der Interessen, die durch die soziologische Struktur der Völker und deren wirtschaftliche Exponenten gegeben sind. So vollzieht sich die Neugestaltung der zerstörten Zivilisation weniger aus einem bewußten Schöpfungswillen, auch nicht aus ehrlich geistiger Not, sondern im wechselvollen, mit allen Listen und Tücken kriegsgeübter Feindseligkeit geführten Kampf um die Macht Und nichts charakterisiert den Verfall dieser Zeit deutlicher, als daß in dieser Krise keine lebendige, von starkem Wertgefühl und Erneuerungswillen getragene Bewegung die Menschheit zu erfassen vermag, sondern daß der Fluch eines dogmatisierenden Doktrinarismus sich auch der revolutionären Kräfte bemächtigt und die Entscheidung der Politik anheimgegeben wird, deren bewährteste Mittel die Propaganda und die Gewalt sind. Dieser Ausweg ist aber eine Ausflucht; er ist ein Sichabfinden mit der Tatsachenwelt, innerhalb deren eine Möglichkeit zur Durchsetzung der Interessen gesucht wird; er enthebt von der Verpflichtung zur wahrhaften, inneren Stellungnahme und knüpft an Schlagworte, die im Tagesgetriebe abgestumpft werden, das Maß der Dinge. Aus dem heutigen Tiefstand kann nur durch tiefgreifende wirkliche Revolution neues, kulturschaffendes Leben entstehen. Was aber heute unter dem Schlagwort „Weltrevolution" begriffen wird, erschöpft sich im ökonomischen Klassenkampf, der zwar auf das gerechte Ziel der Aufhebung aller traditionellen Vorrechte und der Zerstörung der vom Bürgertum zur Festigung seiner Herrschaft geschaffenen Einrichtungen ausgeht, dabei aber r doch ahnungslos und blind an dem Wesentlichen vorübergeht Der politische Sozialismus aller Schattierungen ist selbst in der Verblendung der Zeit, im Organisation- und Machtwahn befangen; und daher können auch seine Erfolge die Verwirklichung seines richtigen und gerechten Programmes nicht verbürgen, vermögen nicht, die sozialistische Weltordnung zu begründen. Denn dazu bedürfte es vorhergehender, wahrhafter Revolution, von der aber der Politiker gar nichts weiß. Immerhin ist die Forderung dieser politischen Zeit die der Parteinahme. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, auf welcher Seite man in diesem Kampf steht, der sich in der Hauptsache gegen den Kapitalismus richtet, — auch wenn man Ausgangspunkte, Wege und Aspekt nicht teilt. An dieser Frage kann auch die jüdische Bewegung nicht vorübergehn, sie wird sie vielmehr als ihre Angelegenheit betrachten müssen. Das darf aber nicht so verstanden werden, He£t5. 13