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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Von unserem täglichen Leben
Date
1919-01-01
Page
188 (sequence 8)
Language
German
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188 Helene Hanna Cohn: Von unserem täglichen Leben menschen wie wir. Keines andren Volkes Angehörige verweigern einander so sehr kleine Höflichkeitsdienste, kleine Rücksichten auf den Geschmack des Nächsten. Mit unsrem tiefinnerlichen Verhältnis zueinander hat das nichts zu tun. Niemand wird behaupten wollen, daß der Jude für den Mitjuden weniger Liebe, Aufopferung bereithält als der Nichtjude für seinesgleichen. Aber ein allzu langes Dasein in Enge und Unfreiheit, ein allzu genaues Kennenlernen der gegenseitigen Not und Nöte hat uns zu einer Unterschätzung der Details des Umgangs zwischen Mensch und Mensch geführt. Uns droht die Gefahr, daß wir im eignen Lande in noch stärkerem Grade als bisher den Begriff „Freiheit" mit „Sich-gehen-lassen" gleichsetzen werden. Das aber muß zu Verhältnissen führen, die den feiner Besaiteten nicht durch Schwertstreiche, aber durch Nadelstiche aufreiben. Es ist unmöglich, hier im besondern darzutun, wie sich die Achtung oder Mißachtung der Form äußern kann und inwiefern sie den Einzelnen durch tausend kleine Züge erfreut oder verstimmt — erfreut oder verstimmt, weil er sich persönlich durch diese kleinen Rücksichten oder Rücksichtslosigkeiten geachtet oder mißachtet fühlt. Nur einiger Beispiele für die Dinge, auf die sich die Achtung vor dem Nebenmenschen erstrecken kann, sei neu gedacht: Manche von uns fühlten sich Dutzende von Malen am Tage verletzt durch das von einem flüchtigen Nicken begleitete, hingemurmelte „Schalom!" der Bekannten in den Straßen; und empfanden ebenso oft den stummen, aber formstrengen Gruß der Araber als eine würdigere Weise, von der Begegnung mit dem Nebenmenschen Kenntnis zu nehmen. Wir fanden immer aufs neue unsre Gemeinschaft gekränkt durch den Anblick junger Frauen, die in unvollendetem Anzug, mit herabhängenden Zöpfen vor ihren Häusern standen, und waren den noch „unassimilierten" Jemenitinnen dankbar für die strenge Form ihres Straßengewandes. Wir fühlten uns geniert durch das Eindringen unaufgeforderter Besucher zu jeder Tages-, ja, fast zu jeder Nachtzeit, und fanden andrerseits zu manchen Menschen nicht den Weg, weil wir nicht wußten, ob ihre Unterlassung jeder Aufforderung eine absichtliche oder unabsichtliche Vernachlässigung der uns bekannten Form war. Lauter Winzigkeiten, und doch genügend, um uns in ihrer Gesamtheit gründlich zu verstimmen. Und auch genügend, um unserm ganzen Leben einen Zug von Lässigkeit zu geben, der sich schließlich auch in die tieferen Beziehungen der Menschen zueinander eingräbt. In dem Denken an den Geschmack der andren, den kleinen aufmerksamen Diensten für den andern liegt eine disziplinierende, das ganze Wesen des Menschen zügelnde Kraft. Und ein Mittel, dem andern, wenn auch nicht becherweise, so doch tropfenweise Freude zu schenken. Auch in diesen kleinsten Dingen verbinden allzu viele von uns falsche Vorstellungen mit ihrem Bilde von Palästina. Sie haben schon im Golus die Form gering geschätzt, weil sie glaubten, sie sei unwesentlich neben dem Inhalt. Mit Palästina aber verbanden sie den Begriff völliger Ungebundenheit, südländischer Gelöstheit der Formen und vergaßen: einmal daß diese Gelöstheit des Südens erlaubt ist nur in Verbindung mit der Schönheit des Südländers, mit dem Rhythmus seiner äußeren und inneren Linien; und ferner, daß ungeachtet seines natürlichen Rhythmus — der unsren gebeugten Gestalten und gedrückten Seelen mangelt — gerade der Orientale ein gesellschaftliches Zeremoniell von einer Strenge befolgt, wie sie dem Abendlande ganz unbekannt ist. Daß der

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