Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von unserem täglichen Leben
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber: Nicht was zum Munde eingeht . . . 189 Gruß des Arabers, der Verkehr zwischen Mann und Weib, zwischen Gastgeber und Gast, daß jede Mahlzeit, jedes Gebet und jedes Fest bei ihm eine einzige Folge von gesetzmäßigen Formen ist, denen er sich mit Seele und Körper anpaßt Dank dem tief im Orientalen wurzelnden Bewußtsein (das auch aus der jüdischen Religion spricht!), daß nicht nur der Inhalt auf die Form, daß auch die Form auf den Inhalt wirkt. Von unsrem Sehen* Das alles sind so kleine Dinge, denen sich hundert ebenso kleine anreihen lassen. Und sind es doch wert, selbst in diesem Augenblick der großen Probleme beachtet zu werden, vor allem von der Hälfte der Menschheit, deren Bestimmung es ist, mit feinen Händen das Dasein zu glätten. Zu den Frauen vor allem sind diese Worte gesprochen, damit sie stillstehen und sich umsehen in ihrer allernächsten Umgebung, in ihrem allertäglichsten Tun. Wenn unsre Frauen zu sehen verstehen, die tausend kleinen Einzelheiten des Hauses und Lebens erblicken, dann wird das in ihnen schlummernde Bedürfnis zu sorgen, zu hegen und pflegen, sich immer mehr von den Wesen auch auf die Dinge erstrecken* Und unbewußt werden sie auch den Mann zu diesem feineren Sehen hinführen. In der Enge unsrer Gassen, in dem Druck unsrer schweren Gedanken sind unsre Augen und Ohren stumpf geworden. Wir haben den Blick für die kleinen Einzelheiten unsrer Umgebung verloren und das Gehör für die Stimmen, die nach zarter Rücksicht, nach kleinen Liebesdiensten rufen. Wir sollten unsre Kinder wieder sehend machen. Wir sollten die Blicke unsrer Knaben und Mädchen erschließen für das Leben in allem Seienden, dem natürlich Gewordenen wie dem künstlich Geschaffenen. Für die Stoffe, Linien und Farben der Dinge, von" denen wir täglich umgeben sind. Und sollten ihren inneren Blick erschließen für die ganz zarten, unscheinbaren Fäden zwischen Wesen und Wesen, die neben den entscheidenden Brücken zwischen den Geistern und Seelen einherlaufen. Wir sollten sie lehren, wie man die Materie hegt und veredelt und wie man immer aufs neue jene kleinen Fäden knüpft, die Geschöpf an Geschöpf und die Geschöpfe an das Dasein bindet. Aber das klingt nach einem „System", und es sollte doch nur an das erinnert werden, was niemand durch Systeme lehren noch lernen kann: Liebe. Jene Liebe, die den Pulsschlag alles Seienden fühlt, die sich über unsre Menschenbrüder hinaus erstreckt auf unsre Brüder in Feld und Felsen, in Wald und Wasser, und selbst auf die von Menschenhand geschaffenen Wesen. Diese Liebe allein ist es, die uns in unsrem Lande geben kann, was wir so lange entbehrt haben: Freude. Kopenhagen Helene Hanna Cohn NICHT WAS ZUM MUNDE EINGEHT ... Rabbi Jaakob Jizchak von Przysucha, der nicht anders genannt wurde als „der Jude", trug einst seinem Schüler Rabbi Bunam auf, eine Reise zu unternehmen, doch sagte er ihm nicht, wohin er fahren sollte. Rabbi Bunam fragte nicht, sondern machte sich mit etlichen andern Chassidim auf den Weg,-