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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 187

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Von unserem täglichen Leben
Date
1919-01-01
Page
187 (sequence 7)
Language
German
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Von unserem täglichen Leben 187 Angestellten sich bestrebten, seine Wünsche zu erfüllen. Kam der Araber an einen fremden Ort, so wurde er im Hause eines Stammesgenossen als ein Ehrengast aufgenommen, dem man jeden Wunsch an den Augen abzulesen strebt. Reisten wir aber durch das Land oder gingen aus, um eine Mahlzeit einzunehmen, so standen uns nur so freudlose Räume offen, wie sie in Europa kaum dem rohesten Geschmack genügt hätten. Räume, denen man es ansah, daß sie nur dazu dienten, mit möglichst wenig Mühe und Sorgfalt möglichst viel Gewinn einzubringen. Kein Wunder, daß wir diese Räume nur zum Schlafen und zum Einnehmen der Mahlzeiten benutzten, und daß nichts uns verlockte, sie auch zu Stätten unsrer Erholung und Geselligkeit zu machen. Wie haben wir an manchem Tage verdrossen an dem Tisch unsrer Speisewirtschaft gesessen und vor Widerwillen gegen die roh zubereiteten Speisen und die unsauberen Tischgeräte kaum ein Wort miteinander wechseln mögen! Und wie haben wir uns an manchem Abend, an dem es uns aus unsren reizlosen Stuben hinausverlangte, nach einem gut gehaltenen Gärtchen oder einer freundlichen Halle gesehnt, wo wir uns erfrischen und fröhlich beisammen sein könnten! Und wie hat die Entbehrung aller dieser kleinen Dinge sich allmählich in unser Gemüt eingefressen, bis wir auch die großen Dinge mit Unlust betrachteten! Unser Leben würde so viel mehr Behaglichkeit und Freude haben, wenn eine Anzahl von Menschen es sich draußen zur Aufgabe machte, den Heimlosen ein sauberes und gepflegtes Heim, den Besuchern erquickenden Trank und sorgfältig bereitete Speise zu reichen, in Räumen, die zum Verweilen, zur Pflege heiterer Gemeinschaft einladen. Freilich, diese Auffassung von der Aufgabe des Wirts wird nur der haben, der den Dienst am Nebenmenschen nicht als eine Erniedrigung, sondern als eine erhöhende Pflicht empfindet, der nicht im Gewinn, sondern im Werk selbst den wahren Lohn der Arbeit sieht. Der Mann oder die Frau, die sich bemüht, die von der Mühe des Tages gebeugten Körper neu zu kräftigen und die von den Kämpfen des Tages verdunkelten Seelen durch freundliche Eindrücke zu erhellen, wird nicht weniger für das Land getan haben, als jene andern, die seiner Erde die Frucht abtrotzen. Von unsren Verkehrsformen. Von noch einem ist zu sprechen, davon ein großer Teil unsres Froh- oder Unfrohseins abhängen wird: den äußeren Formen, in denen sich der Verkehr der Menschen vollzieht. Es erscheint unmöglich, hier die Form vom Inhalt zu trennen. Wer dem Nebenmenschen mit Achtung und Liebe gegenübersteht, der wird im Verkehr mit ihm Rücksicht auf seine Art, auf seine Vorlieben und Abneigungen nehmen. Und wer ein kleinliches, selbstsüchtiges Herz hat, bei dem werden durch allen äußeren Schliff die Kanten der Rücksichtslosigkeit immer wieder hervorbrechen. Und doch gibt es auch hier schöne und unschöne Formen, die weniger auf einer Verschiedenheit der Herzensgaben als auf einer Verschiedenheit des Verständnisses für Wesentliches und Unwesentliches beruhen. In der Bewertung nicht der großen, aber der kleinen Dinge des Lebens unterscheiden wir Juden uns von allen Völkern abendländischer und morgenländischer Kultur. Bei keinem andren Volke findet sich ein so hoher Grad von Unwilligkeit, die strenge Form in unser alltägliches Leben und unsren Verkehr mit der Umwelt hineinzuziehen. Kein andres Volk ist in Kleidung, Haltung, Gang, Gruß, Gebrauch der Stimme so unbekümmert um den Feinsinn des Neben-

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