Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von unserem täglichen Leben
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101154-3104385--3255-3104440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i86 Helene Hanna Cohn: möglichst wenig Arbeit gehört? Und weshalb trug man diese Speisen ohne Sorgfalt und Regelmäßigkeit auf, so daß dem Mahle immer mehr seine Aufgabe genommen wurde, die Hausgenossen zu bestimmten Stunden zu versammeln? Die Verschmähung der Leibespflege entsprang wohl in vielen Fällen einem reinen Willen: dem Willen, sich immer mehr von der Herrschaft des Körpers zu befreien, damit er den Geist nicht hemme. Und doch gaben auch die, bei denen die Verachtung der Speise aus dieser Quelle floß — sofern sie körperlich arbeiteten — einen Beweis für die Unvollkommenheit und Unentwickeltheit unsres neuen Menschentyps. Denn wer wirklich und vor allem den Willen hat, dem Lande durch körperliche Arbeit zu dienen, der achtet seines Körpers und «empfindet es als seine Pflicht, ihn durch Pflege zur Arbeit tüchtig zu machen. Aber auch die, welche sich immer mehr zu geistiger Arbeit ertüchtigen wollen, werden in Gefahr stehen, falsche Geisteswege zu gehen, wenn sie der andren Hälfte ihres Ich, der körperlichen, nur Geringschätzung entgegenbringen. Sicherlich war die Vernachlässigung des Mahles in vielen Fällen die Folge einer begrüßenswerten Reaktion gegen die Überschätzung des Fleischlichen und •die Verweichlichung des Körpers in den Bürgerhäusern des Golus, aber sicherlich war sie in fast ebensovielen Fällen Trägheit, Unbilligkeit, an die kleinen Dinge •des Lebens Gedanken und Mühe zu verwenden. Wenn auch der Einzelne, der sich von der Gemeinschaft losgelöst hat, um in letzter Einsamkeit der Wirklichkeit zu vergessen, seinen Körper kasteien darf — wir, deren Leben ja nicht nur im Reiche der Idee dahinschwebt, sondern die ihres Lebens Inhalt auch in den kleinen Freuden und Leiden des Tages finden, dürfen nicht die Mühe um die Stärkung des Körpers scheuen. Und vor allem dürfen die es nicht, die für andre, für das körperliche und geistige Wohl einer Familie zu sorgen haben. Palästinas Fülle gibt uns die Möglichkeit, mit den einfachsten Mitteln kräftigende und wohlschmeckende Mahlzeiten zu bereiten. Warum sollen wir nicht uns und den Unsren den Genuß des Mahles erhöhen und über den Genuß des XJaumens hinaus zu einem Genuß aller Sinne und des Geistes erheben, indem wir die Speisen auf einen freundlich gedeckten Tisch stellen und die Mahlzeit zu einer regelmäßigen Erholung der Hausgenossen machen? Regelmäßigkeit bedeutet freilich Zwang, und viele der Unsern leben in dem irrigen Glauben, Erez Israel sei die Befreiung von allem Zwange. Sie vergessen, daß das Miteinanderleben der Menschen auf tausend großen und kleinen Überwindungen der eignen Gelüste beruht, und daß dieses Miteinanderleben das Ziel ist, von dem wir das große Glück und die kleinen Freuden unsrer künftigen Existenz erwarten. Unsre Gaststätten. Die Betrachtung des Mahles führt zur Betrachtung der Stätten, an denen wir Herberge, Speise und Geselligkeit suchten. Mit wenigen Ausnahmen (und wie dankbar waren wir für diese Ausnahmen!) wiesen diese Stätten alle Mängel des Ghetto auf: Enge, Unsauberkeit, Unschönheit. Alles in allem: Mangel an Gastfreundschaft. Kam der christliche Fremde in das Land öder suchte der europäische Bewohner des Landes Geselligkeit außerhalb des Hauses, so fand er Aufnahme in weiten schönen Herbergshäusern mit wohlgehaltenen Räumen und gepflegten Gärten, wo der Wirt sich bemühte, ihm Behaglichkeit zu gewähren, und die