Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von unserem täglichen Leben
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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x84 Helene Hanna Cohn: kannten und Unbekannten hinter den niedrigen Fenstern entschleierte und es uns selbst fast verwehrte, uns zu irgendeiner Stunde vor fremden Augen und Ohren zurückzuziehen. Unsre künftigen Straßen müssen weit sein, unsre künftigen Häuser müssen festere Wände und weitere Abstände erhalten. Nicht allein um dem Auge einen wohltuenderen Anblick zu gewähren als jene heutige Schar von Häuschen, die sich zusammendrängen wie schwatzende kleine Leute, sondern auch damit uns nicht ganz verloren geht, wonach alle feiner besaiteten Naturen hie und da verlangen: Alleinsein. Wir werden ja ohnehin von der Gefahr bedroht sein, die das nahe Zusammenwohnen mit unsresgleichen stets birgt, daß die, kleinen gemeinsamen Interessen des Alltags die großen gemeinsamen Ideen überwuchern — um so mehr müssen wir uns davor schützen, unsre ganze Persönlichkeit in der Kleinmünze des Nachbargeschwätzes auszugeben. Es glauben viele von uns, es sei das Vorrecht des Südländers, sein Leben ohne strenge Schranken zwischen Mensch und Mensch, in der heiteren Öffentlichkeit, gewissermaßen immer unter freiem Himmel zuzubringen. Sie übersehen, daß der Orientale vom Leben auf der Straße heimkehrt in ein Haus, das hohe Mauern vor der Straße verbergen, dessen im Herzen des Gebäudes konzentriertes Leben kein unbefugter Blick erforschen kann. Und wenn auch eine so strenge Abschließung uns, die nach Öffnung der Herzen verlangen, zu kalt erscheint — wir werden unsre Straße um so lieber gewinnen, je mehr sie uns das Leben in den von ihr verbundenen Häusern nur ahnen läßt, anstatt es schamlos zu enthüllen. Unsre Gärten. Wir sollten unsre Häuser nicht durch hohe feindliche Mauern von den Nachbarhäusern trennen, sondern durch Gärten. Gärten sind unerschöpfliche Quellen der Freude. Das erste Grün aus dem Boden schlüpfen zu sehen, das langsame Werden zu verfolgen bis zum vollen Blühen und Reifen; Blumen auf dem Tisch zu haben, die wir selbst vom Keime an gepflegt haben, Früchte zu verspeisen, die auf eignem Grunde unter unsrer eignen Arbeit wuchsen — lauter ganz kleine Freuden, und doch groß genug, um uns an jedem neuen Tage ein Lächeln zu schenken. Als Palästina schon mit der Not des Krieges rang, gab es in unsrem Hause einen Festtag: weil die Kinder die ersten Veilchen aus dem Garten geholt und auf unsren Tisch gestreut hatten. Der Garten verbreitert den allzu engen Zwischenraum zwischen unsrem und dem Hause des Nächsten, und trennt doch nicht gleich der hohen arabischen Mauer, sondern verbindet die Heimstätten der Menschen. Wohl kostet es Mühe und Schweiß, dieser verschmachtenden Erde Blumen und Früchte abzutrotzen, mehr Mühe und Schweiß als Europas Gärten zum Blühen bringt; aber wer es an Eifer in diesen kleinen Dingen fehlen läßt, der wird auch und erst recht in den großen Aufgaben und Kämpfen versagen. Und wird sich um eine Freude bringen, die seinen Mut zur Erfüllung der großen Aufgaben erhöht hätte. Unsre Innenräume. Warum haben so viele, die nach Palästina gingen, den Hauptteil ihres Hab und Gutes in Europa zurückgelassen und haben nur jenes Gerät mit sich genommen, mit dem man in eine Sommerwohnung zu