Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von unserem täglichen Leben
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von unserem täglichen Leben 183 Häusern so sehr das Mal unsrer Erniedrigung auf die Stirn geschrieben steht wie heute den Häusern von Tel Awiw. Mit ihren Mauern und, Dächern aus dem allerschlechtesten Gestein, ihrer Form, die eine Folge des Bestrebens war, jede einzelne Stube nutzbar, d. h. in Mietgeld umsetzbar zu machen, waren sie «in so trübes Abbild unsrer Lieblosigkeit gegen die Natur des Landes, unsres berechnenden Sinnes, daß sie dem Beschauer des Städtchens alle Fröhlichkeit raubten. Sie gehörten oft Menschen, die im Goluslande in weiten, reichen Räumen gelebt hatten und sich dennoch hier mit engen, unschönen Stuben begnügten, die ihrem Dasein immer den Charakter des Vorübergehenden und Unsteten gaben. Statt daß man hier in der Heimat, im Glauben an die Heimat für kommende Geschlechter mitgebaut hatte! Erst wenn wir in Häusern wohnen, die nicht mehr den Stempel des Zufälligen tragen, werden wir uns heimisch in unsrer Heimat fühlen. Denn bei jedem Hinausgehen aus dem Hause werden wir das Bild der uns lieben, von uns verwalteten Räume mit uns nehmen, und bei jedem Heimkehren wird es in unsrem Herzen hell werden beim Anblick des uns, unsrem Geschlecht und der Landschaft unsres Landes gehörigen Hauses. Unser Haus in Erez Israel soll nicht nur ein Schutz gegen Sonnenglut und Nachttau, nicht nur eine Sammelstätte der Familie sein — sondern auch ein Genuß für unser Auge, ein Werk, dessen Rein- und Schönerhaltung zu dem beiträgt, was uns das Leben in unsrem Lande geben soll: Freude. Unsre Straße. Wenn jeder sein Haus mit Liebe baut, wenn auch bei der Behausung der Mittellosen und bei den öffentlichen Bauten andre als bloße Nützlichkeitserwägungen mitsprechen, dann werden unsrer künftigen Straße viele der verstimmenden Züge erspart bleiben, die den Straßen aller Judenviertel der Welt — auch im bisherigen" Palästina — anhaften. Von der Dorfstraße ist weniger zu sprechen als von der Stadtstraße. Die Dorfstraße wird — wie allenthalben — ihren Charakter von den Gehöften erhalten, die sie verbindet, und von dem Stand der Felder und Obstgärten, die sich zu ihren beiden Seiten ausbreiten. Wenn die Gehöfte in gutem Stand und die Felder und Bojaren in sorglicher Pflege sind, so wird auch die Dorfstraße ein freundliches Gesicht zeigen. Vorausgesetzt, daß sie sauber gehalten ist und daß vor den Häusern statt der öden Sandplätze saubere Gärtchen liegen. Wir sind einmal an einem Tage voll drückender Glut, den Kopf voll mit Problemen und das Herz voll mit Sorgen durch das Land gefahren, und als wir bei Sonnenuntergang nach Mescha kamen, und die gerade saubere Dorfstraße von den Rosenhecken der Hausgärtchen bekränzt in der Feierabendstille vor uns liegen sahen, da kehrte uns der Frohsinn zurück! Aber was wird aus unsrer Stadtstraße werden? Soll sie weiter der Sammelplatz von Schmutz, von peinigenden Gerüchen und lärmenden Lauten sein wie die Judenstraßen des heutigen Jerusalem — denen alle Übel orientalischer Stadtstraßen anhaften, ohne deren Farbenreichtum, ohne die leichte Bewegtheit der Formen? Oder werden sie weiß und sauber sein wie die Straßen von Tel Awiw, aber in ihrer Enge ebenso kümmerlich wie diese? Diese Ghettoenge von Tel Awiw — wie hat sie uns herabgezogen! Wie fesselte sie uns an den Alltag, wenn sie uns alle Laute des Nachbarhauses, alle Spetsegerüche der gegenüberliegenden Küche zutrug; wenn sie uns fortwährend das Tun der Be-