Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von unserem täglichen Leben
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Helene Hanna Cohn: zubauen, die nicht nur im Äther der Ideen hängen, sondern auf dem festen Boden der Wirklichkeit stehen. Wir müssen lernen, jene kleinen Dinge zu würdigen, die so unwichtig erscheinen und in ihrer Gesamtheit doch von so großem Einfluß auf unser Leben sind. Was wir in langem Golusdruck verlernten: die Freude nicht nur am Guten, sondern auch am Schönen, die Heiterkeit der Sinne, das Gefühl für die Verwandtschaft mit den Dingen — das müssen wir wieder lernen. Und auch dieses Können wird unsren Weg zum rechten Menschentum bahnen. Aber kann nicht diese Freude nur ohne unser Zutun, als Krönung des Werkes unsrer Selbstveredelung erblühen? Nein, denn auch sie ist eine Pflanze, die durch Pflege zum Blühen gebracht wird. Um sie zu hegen, bedarf es nicht der Einführung irgendeines „Systems", dessen Vertreter sich alsbald zu neuen streitbaren Gesinnungstruppen zusammenschließen. Es ist nur nötig, daß jeder für sich eine pflegende Hand an die Dinge seiner nächsten Umgebung legt, seine Stuben, sein Haus, seinen Garten, das Mahl auf seinem Tische, die Kleider auf seinem Körper als ein Stück seiner selbst achten und als ein Stück seiner selbst bewahren lernt, und daß er dem Verkehr mit dem Nächsten eine freundliche Gestalt zu geben strebt. Da sind kleine Dinge, so klein, daß sie nichtig erscheinen in einem Augenblick, da der Kampf um die geistigen Grundlagen unseres künftigen Daseins WOgt *— und von deren Beachtung oder Nichtbeachtung doch ein großer Teil unseres künftigen Frohseins oder Unfrohseins abhängt. Ein paar dieser kleinen Dinge seien herausgegriffen. Unsre Häuser. Was soll uns unser Haus in Erez Israel sein? Eine Stätte zu vorübergehendem Aufenthalt wie das von fremder Hand erbaute Haus im Golus, das wir eines Tages verließen, um unser Hab und Gut, unser Denken und Fühlen an einen andren Ort zu tragen, in dessen Erde und Natur, in dessen Geist und ihm entsprossenen Lebensformen wir ebenso wenig wurzelten wie wir an dem verlassenen Ort gewurzelt hatten? Nichts derart. Unser Haus in Palästina soll uns das Symbol unsrer Heimkehr werden, der Festigkeit des Bandes, das uns an diese Erde, diese Luft, diese Gemeinschaft fesselt. Nicht eine Stätte des Vorübergehenden Verweilens, sondern eine Stätte des Bleibens, des Ausruhens vom Wandern. Darum sollen unsre Häuser nichts mit leichten Sommerlauben gemeinsam haben, die kaum den Herbst überdauern, und nichts mit Herbergen, in deren Stuben man heute als eine Nummer einkehrt, um sie morgen zu verlassen und vergessen. Unser Haus soll in der Landschaft stehen wie ein Teil von ihr, und unser Haus soll in unsrem Leben stehen wie ein Abbild unsrer Freude am Lande und unsrer Freude am Zusammenleben mit den Unsren. Gewiß, auch das wird eine Frage der Mittel des Landes und unsrer eignen Mittel sein. Es werden ja Scharen kommen, die zufrieden sein werden, ein Dach über dem Kopfe zu haben, gleichviel ob es das flache weiße Dach des Südens ist, von dessen Höhe man auf die Stadt hinab und in den Himmel hineinsieht, oder das Kleinleute-Ziegeldach, dessen Farbe und Form einen Mißklang in das südliche Landschaftsbild trägt. Und man wird bei der Behausung der Scharen nicht vor allem daran denken können, dem Schönheitsverlangen Genüge zu tun! Aber man wird es vermeiden können und müssen, daß unsren