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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Die jüdisch-griechische Episode
Date
1919-01-01
Page
180 (sequence 5)
Language
German
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i8o Felix Perles: Die jüdisch-griechische Episode Konnex mit ihnen. Anders ihre Brüder in Ägypten, die nunmehr ein von der Gesamtheit abgesplittertes Teilchen des Volksganzen waren und jedes Bandes entbehrten, das sie mit ihren Brüdern hätte zusammenhalten können. Es fehlte ihnen das Mittel der Verständigung im buchstäblichen Sinne, d. h. die Kenntnis der hebräischen Sprache, durch welche alle übrigen Juden sich ihrer Einheit bewußt wurden, und im übertragenen Sinne, indem sie nach Lebensinhalt und Lebensführung keine Berührungspunkte mit der überwältigenden Mehrheit ihrer Brüder fanden. So vermochten sie sich nicht mehr länger zu behaupten, und es trat fast mit Naturnotwendigkeit ein, was gewiß ein Philo einige Jahrzehnte vorher nicht geahnt hatte: das ganze griechisch gebildete Judentum verschwand mit einem Schlage wie in der Versenkung und ging unrühmlich im Heidentum oder Christentum auf. Wie ein vom Gesamtkörper abgeschnürtes Organ absterben muß, ging es restlos für das Judentum verloren. Kein einziges seiner Werke von der Septuaginta bis auf Philo ist durch Juden erhalten. Vielmehr war es die Kirche, die dieses ganze Schrifttum aufbewahrte und sich seiner zu Propagandazwecken bediente. Die Schriften Philos werden während eines Zeitraums von 1500 Jahren in der ganzen jüdischen Literatur nur zweimal angeführt, während im Christentum viele seiner Gedanken weiter leben, so vor allem seine Lehre vom Logos, die durch den Anfang des Johannesevangeliums zur Berühmtheit gelangt ist. Auch seine Methode der allegorischen Schriftauslegung, mit deren Hilfe man dem Schriftwort jeden beliebigen Sinn unterlegen konnte, hat nachhaltig gewirkt und wurde mit Vorliebe von den Kirchenvätern angewandt. Dasselbe Schicksal hatten die Schriften des Flavius Josephus, der im Kaiserpalast der Fla vier in Rom den Heiden die Geschichte der Juden in griechischer Sprache anschaulich schilderte. Trotzdem er als geborener Palästinenser über ungleich tiefere jüdische Kenntnisse verfügte und darum ein viel treueres Bild vom Judentum entwarf als Philo, hat das jüdische Volk sein Andenken nicht bewahrt, und er hat es auch nicht besser verdient. Denn im Gegensatz zu Philo, dessen Charakter rein und makellos war, ist er im Kriege gegen Rom ein Verräter der jüdischen Sache geworden. Auch seine Werke sind nur durch die Kirche erhalten, und erst im Mittelalter wurde eine sehr freie Bearbeitung mit vielen Ausschmückungen (der sog. Josippon) in hebräischer Sprache verbreitet. Philo und Flavius Josephus standen sicher durch ihre literarische Bildung und schriftstellerische Begabung hoch über dem ehrwürdigen Führer der palästinensischen Juden jener Zeit, über R. Jochanan ben Sakkai. Und doch hat er Schule gemacht und nicht jene. Gleich nach Beendigung des Krieges gründete er ein Lehrhaus in Jabne, das Rabbiner und Lehrer für alle Gemeinden des zerstreuten Israel heranbildete, und stellte das Studium der Gotteslehre in den Mittelpunkt der Aufgaben des ganzen jüdischen Volkes. So blieb das kostbare Erbe der Väter erhalten, und die Juden konnten, mit Heine zu reden, „die Bibel im Exil gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herumschleppen". In den darauffolgenden Jahrhunderten des sich steigernden Drucks und der Verfolgungen wurde ohne irgendeinen Seitenblick auf die feindliche und verständnislose Außenwelt an der Sammlung, Aufspeicherung und Erklärung aller jüdischen Überlieferungen gearbeitet, und das Resultat dieser Arbeit ist der Talmud. In ihm ist die ganze jüdische Geistesweit aufgebaut, und wenngleich er insbesondere in seinen halachischen Partien nicht so anziehend ist wie die jüdisch-griechischen Schriften, enthält er doch mehr noch heute im Judentum lebendige und wirksame Gedanken als alle im gewählten Griechisch abgefaßten Werke eines Philo

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