Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdisch-griechische Episode
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 179 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdisch-griechische Episode 179 ohne etwas dafür zu gewinnen. Ja, Philo blieb selbst ohne Wirkung auf seine nächste Familie, Denn sein Neffe Tiberius Alexander fiel vom Judentum ab, wurde römischer Landpfleger in Palästina und beschloß seine Laufbahn als Generalstabschef des Titus bei der Belagerung und Einnahme von Jerusalem. Trotzdem die Juden in Ägypten und insbesondere in der Hauptstadt Alexandria ihre Assimilation bis aufs äußerste trieben, erwarben sie damit doch nicht die Sympathie oder auch nur die Anerkennung ihrer nicht jüdischen Mitbürger. Sie erschienen ihrer Umgebung als eine unheimliche Macht, gegen die man sich schützen müsse. Verschiedene Umstände trugen dazu bei, einen solchen Eindruck zu erwecken. Vor allem werden wirtschaftliche Gründe mitgesprochen haben. Denn die Juden waren dort zum Teil Großkaufleute, die es zu beträchlichem Reichtum gebracht hatten. Dann aber ließ ihre Zusammendrängung in der Hauptstadt, wo sie zwei von den fünf Quartieren einnahmen, ihre Zahl viel größer erscheinen, als sie tatsächlich war. Ihre herrliche und weitberühmte Synagoge, neben der sie noch viele kleinere in allen Stadtteilen besaßen, stach der mißgünstigen Menge in die Augen, und endlich machten sich die Juden auch an den Orten des Vergnügens durch ihre große Menge bemerkbar. Denn nicht etwa nur ein mit der griechischen Kultur so verwachsener Mann wie Philo, der es ausdrücklich von sich berichtet, sondern auch sonst viele Juden Alexandrias gehörten zu den Besuchern der Theater und Zirkusse. Es geht das aus einem Midrasch hervor, der offenbar auf die dort herrschenden Zustände anspielt, wenn er dem Schriftwort*), „daß das Land (Ägypten) voll von den Kindern Israel war", die überraschende Deutung gibt, daß die Theater und Zirkusse von ihnen voll waren. Diese Anpassung an das heidnische Treiben beschränkte sich natürlich nicht nur auf Theater- und Zirkusbesuch, sondern erstreckte sich auf die Verfeinerung des ganzen Lebens in Kleidung, Sitte und Gewohnheiten. Ihre palästinensischen Brüder erschienen ihnen darum als eine rückständige, bäuerische Bevölkerung, und sie blickten auf sie mit einem geringschätzigen Mitleid herab. Am meisten überlegen aber fühlten sie sich ihnen durch ihre günstige politische Stellung. Sie sonnten sich im Besitz der ihnen seit Jahrhunderten gewährten Isopoliteia (bürgerliche Gleichberechtigung) und ahnten nicht, auf wie schwachen Füßen ihre ganze Existenz auch in staatsrechtlicher Beziehung stand. Dieses verflachte und verflüchtigte Judentum hat die Probe der Geschichte nicht bestanden. Während die Schriftgelehrten Palästinas auch in den schwersten Zeiten zielbewußt und weitblickend an der Vertiefung und Festigung ihres Judentums arbeiteten, lebten die alexandrinischen Juden nur im Augenblick, bemühten sich um die Gunst der jeweiligen Machthaber, und als der große Pogrom des Jahres 38 n. Chr. sie wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf, glaubten sie, durch Loyalitätsbeteuerungen gegenüber dem wahnsinnigen, göttliche Verehrung beanspruchenden Kaiser Caligula das Unglück bannen zu können, und ihr Sprecher Philo zählte umständlich auf, bei welchen verschiedenen Gelegenheiten die Juden schon für das Wohl des Kaisers Opfer dargebracht hätten. Die Katastrophe 70 n. Chr. hatte darum für _die äußerlich und innerlich haltlosen Juden Ägyptens noch schlimmere Folgen als für die unmittelbar davon betroffenen Juden des Mutterlandes. Denn diese überlebten den Untergang ihres Staats und Tempels durch strenge Abschließung im Leben und im Kultus, und auch diejenigen von ihnen, die in die Welt zerstreut wurden, blieben geistig und seelisch in engem *) 2. Buch Moses 1,7. 12*