Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdisch-griechische Episode
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 181 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101154-3104384--3248-3104435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
H elene Hanna Cohn: Von unserem täglichen Leben 181 Wo lebt heute ein R. Jochanan ben Sakkai, der imstande ist, die Juden aller Länder um ein gemeinsames jüdisches Ideal zu scharen? Die verschiedenen innerhalb des Judentums sich bekämpfenden Parteien sind schwerlich dazu imstande. Denn so wie schon einmal nach einem alten Worte Jerusalem am Parteihaß zugrunde ging, droht auch in unserer Zeit durch die unselige Selbstzerfleischung dem Judentum noch ernstere Gefahr als durch die Anfeindung von außen. Um sie zu überwinden, müssen alle diejenigen, denen die Zukunft des Gesamtjudentums wichtiger ist als ihr jeweiliges Parteiprogramm, sich zusammentun zur Pflege aller wahrhaft jüdischen Werte. Königsberg i.Pr. Felix Perles VON UNSEREM TÄGLICHEN LEBEN Nun soll es Wahrheit werden. Wohl ist noch nicht für alle, die heute davon träumen, die Erfüllung nahe; aber eine große Schar der Unsern wird über ein kurzes in das Land gehen und beginnen, das Versprechen, das wir uns und der Welt gaben, einzulösen. An diesem Wendepunkt unsres Schicksals erhebt sich die Frage nach dem Wie. Wie werden wir das Ziel erreichen? Politische, soziale, ökonomische, pädagogische Systeme, religiöse Anschauungen prallen bereits aufeinander. Über den großen Ideen des Morgen vergessen wir leicht die kleinen Bedingungen des Heute. Wir übersehen gern, daß Palästina uns neben der letzten Erfüllung auch die kleinen Freuden des Tages geben soll, die uns im Golus versagt blieben, daß es uns wiederlehren soll, was wir fast schon verlernt haben: Fröhlichkeit. Fröhlichkeit ist eine moralische Kraft: für die Erhaltung einer Gemeinschaft ist auf eine Schar heiterer, sicher in ihrem bestimmten Kreise ruhender Menschen mehr Verlaß als auf eine Anzahl ewig zum Angriff bereiter Meinungskämpfer. Wer in Palästina gelebt hat, der weiß, wie es draußen an Frohsinn und heiterer Lebensfülle fehlte. Wenn wir in die eigensinnig zusammengezogenen Züge unserer arbeitenden Männer und Frauen sahen, zusahen, wie sie denen, die sie nicht zu ihrer „Klasse" rechneten, ohne Gruß den Rücken kehrten, wenn wir die rechnenden und berechnenden kleinen Besitzer geschäftig in den Straßen trafen und schon hinter den Stirnen der Schüler und Schülerinnen ein fortwährendes Ringen mit Problemen geschrieben fanden — ein oft so altkluges Ringen mit oft so unfruchtbaren Problemen! — dann spürten wir traurig, daß Palästina noch keineswegs die Erlösung, daß es noch Ghetto, Erdenschwere, Schuld war. Wir fühlten, daß Palästina erst dann unser Land sein wird, wenn seine Menschen das befreiende Lachen gelernt haben. Aber können wir denn unser Leben in Palästina fröhlich machen? Wird nicht die Schwere unsrer Arbeit, der Ernst unsres geistigen Ringens sich immer wieder schwer an die Flügel hängen, mit denen wir uns zum Frohsinn aufschwingen möchten? Gewiß, jene Heiterkeit, die aus einer Überwindung der Not entspringt, werden nur einige Auserwählte finden — auf uns andre wartet der Kampf. Aber gerade deshalb müssen wir trachten, uns einen Ausgleich zu schaffen, uns Werte aufr