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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Die jüdisch-griechische Episode
Date
1919-01-01
Page
178 (sequence 3)
Language
German
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178 Felix Perles: zu müssen und legte es sich künstlich und oft gewaltsam zurecht. Solchen Bestrebungen verdankt fast die ganze jüdisch-griechische Literatur ihren Ursprung. Eines der wenigen vollständig erhaltenen Werke derselben ist die in die Septuaginta aufgenommene „Weisheit Salomos". Dieses Buch zeigt den Verfasser als einen von den Wahrheiten des Judentums erfüllten Schriftsteller, der für seine Überzeugung wirbt, aber nicht nur in seiner Sprache der Ausdrucksweise der griechischen Philosophen siph nähert, sondern auch in seinen Gedanken einem palästinensischen Juden seiner Zeit nur wenig geboten hätte. Immerhin ist das jüdische Element in dieser Schrift noch mehr in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten als in den Werken Philos, die eine sehr viel weitgehendere Hellenisierung des jüdischen Geistes zeigen. In Philo und in dem ihm nahe stehenden Kreise griechisch gebildeter Juden war gewiß viel Geist vorhanden, aber es war mehr griechischer als jüdischer Geist. Philo war persönlich ein überzeugter Jude, gab seiner glühenden Begeisterung für die Religion der Väter oft hinreißenden Ausdruck und sprach gelegentlich die schönsten und tiefsten Gedanken über einzelne Lehren und Gebote des Judentums aus. Ja, er hat sein ganzes Leben der Darstellung des biblischen Judentums nach seinen verschiedenen Seiten gewidmet und noch in vorgerücktem Alter die beschwerliche und nicht ungefährliche Reise zum Kaiser Caligula als Anwalt der verfolgten alexandrinischen Juden unternommen. Es ist ihm auch sicher gelungen, einzelne gebildete Heiden für das Judentum zu gewinnen. Aber auf das Judentum außerhalb Ägyptens blieb er ohne Wirkung schon aus dem äußeren Grunde, weil er griechisch schrieb und sich nicht des Originals der heiligen Schriften, sondern nur der Septuaginta bediente. Wie uns zahlreiche Worterklärungen in seinen Schriften zeigen, verstand er zwar Hebräisch, aber seine Kenntnisse hielten sich in sehr bescheidenen Grenzen. Doch auch der Inhalt seiner Schriften war nicht dazu angetan, unverbildete Juden Palästinas zu interessieren oder gar zu beeinflussen. Sie konnten keine Befriedigung in dieser allegorischen Umdeutung der biblischen Erzählungen, Gesetze und Lehren finden, durch die die besten und charakteristischsten Züge verwischt, und dafür aus apologetischen oder missionarischen Gründen die völlig fremde Gedankenwelt der griechischen Philosophen zum Maßstab aller jüdischen Werte gemacht wurde. Wohl sprangen auch die palästinensischen Schriftgelehrten oft recht frei mit dem Bibelwort um, aber in einem ganz andern Sinn. Alles Individuelle unterstrichen sie noch und arbeiteten es liebevoll heraus, und es gelang ihnen dadurch, die plastische Darstellung aller großen Gestalten der Bibel noch zu steigern. Philo dagegen stellt blasse Begriffe an Stelle der lebenden Persönlichkeiten. Die Patriarchen sind ihm lediglich Sinnbilder gewisser Tugenden. Moses, dessen Leben er in einer besonderen Schrift behandelt hat, erscheint da als eine Art Philosoph, der lange vor den griechischen Denkern die gleichen Lehren wie diese nur mit ein bißchen andern Worten ausgesprochen habe. Auch die Gott vermenschlichenden Züge, die Anthropomorphismen und Anthropopathismen, die dem biblischen Stil eine solche Anschaulichkeit geben, werden bei ihm philosophisch sublimiert, daß der einfache Mann sie nicht mehr versteht und der Skeptiker doch nicht davon überzeugt wird. In dem Bestreben, das Judentum den gebildeten Heiden verständlich und schmackhaft zu machen, opferte Philo — vielleicht, ohne sich dessen klar bewußt zu sein — wertvolle, ja integrierende Bestandteile des jüdischen Bewußtseinsinhalts, und schuf aus dem, was übrig blieb, eine jeder Eigenart ermangelnde blutleere Allerweltsreligion und AUerweltsphilosophie. So verlor das Judentum unter seinen Händen sein Bestes,

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