Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdisch-griechische Episode
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 177 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdisch-griechische Episode 177 Der Gegensatz zwischen palästinensischem und ägyptischem Judentum, wie ^er sich seit dem Anfang des dritten vorchristlichen Jahrhunderts herausgebildet und mit der Zeit immer schärfer zugespitzt hat, ging nicht auf eine innere Wesensverschiedenheit zurück, sondern war das Ergebnis weltgeschichtlicher Ereignisse, an denen die Juden , mehr passiv als aktiv beteiligt waren. Die Eroberungszüge Alexanders des Großen hatten die Juden wie alle Völker des Orients aus ihrer kulturellen Abgeschiedenheit herausgerissen. Schon bald nach seinem Tode vergflanzte Ptolemäus, der erste König des neuen ägyptischen Reiches, eine größere Anzahl von Juden aus Palästina nach seinem bisher noch fast gar nicht von Juden besiedelten Lande, Doch während es den Juden Palästinas, die weiter in kompakten Massen auf dem Boden der alten Heimat saßan, schließlich doch gelang, ihre bedrohte jüdische Eigenart siegreich zu behaupten, standen ihre Brüder in Ägypten von vornherein, wenn man so sagen darf, auf einem verlorenen Posten. Selbst wenn man dem Bericht des Aristeasbriefes Glauben schenken darf, wonach damals nicht weniger als 100000 Juden nach Ägypten gekommen wären, bildeten diese jedenfalls doch nur ein geringes Häuflein gegenüber der Masse der nicht jüdischen Landesbewohner, und wenn auch ihre Zahl sich später noch bedeutend vermehrte und zur Zeit Philos <40 n. Chr.) sich auf eine Million belief, war doch diese Zunahme ohne Einfluß auf die Stärkung ihres jüdischen Bewußtseins geblieben. Vielmehr lockerten sich schrittweise die Bande, die sie mit dem lebendigen Judentum des Mutterlandes verbanden. Um 250 v. Chr. begann die unter dem Namen der Septuaginta bekannte Obersetzung der Bibel ins Griechische, die zwar vielen Heiden das Judentum näher brachte, aber den ägyptischen Juden die reine Quelle des Originals der heiligen Schriften für immer verschloß. Denn seit jener Zeit lasen sie die Bibel auch beim Gottesdienst nur noch in jener Übersetzung. Der ganze Kultus bekam griechischen Zuschnitt, und es vollzog sich eine geistige und seelische Loslösung von den alten Überlieferungen des Judentums. Sie blieben zwar weiter Juden, aber ihr Judentum, das uns noch in einer Reihe von meistens leider nur fragmentarisch erhaltenen Schriften vorliegt, zeigt nichts von der urwüchsigen Kraft, die uns in der gleichzeitigen palästinensischen Literatur, z. B. im Buche des Sirach (ca. 200 v. Chr.), entgegentritt. Wohl gab es auch in Palästina, ganz abgesehen von einer völlig griechisch gesinnten Partei, verschiedene freiere Richtungen, von denen wir noch literarische Zeugnisse besitzen, doch schon der Boden und die Sprache des heiligen Landes prägte ihnen einen jüdischen Charakter auf. So waren die Juden beider Länder schon innerlich einander entfremdet, als Ereignisse eintraten, durch die sie auch äußerlich voneinander losgerissen wurden. Durch die Siege Antiochus des Großen kam Palästina unter syrische Herrschaft, und die dort lebenden Juden waren von nun an auch nicht mehr durch das Band der gleichen Staatszugehörigkeit mit ihren ägyptischen Brüdern zusammengehalten. Die Erhebung der Makkabäer gegen die von Antiochus Epiphanes versuchte gewaltsame Hellenisierung endete mit einem vollen Siege der unentwegten Juden, und die dadurch erzeugte Reaktion gegen jede Hinneigung zum Griechentum trug natürlich noch dazu bei, die Kluft zwischen palästinensischen und ägyptischen Juden zu vertiefen. Bald verstanden sich beide nicht mehr, und selbst wenn es noch weiter einzelne griechisch gebildete Juden in Palästina gab, ihre Seele war doch verschieden von der ihrer ägyptischen Brüder. Ihr Judentum war etwas Bodenständiges, sozusagen Selbstverständliches, während es dort seine Unmittelbarkeit verloren hatte. Man glaubte, es erst vor sich und vor der Außenwelt rechtfertigen Heft 4t ist