Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte ...... 175 er die Verbindlichkeit der überlieferten Form in keiner Weise berührt — und wie sollte er das auch, da diese Verbindlichkeit ja durchaus Sache des nationalen Gewissens ebenso ist, wie des religiösen — auch heute noch mit dem Widerstand des alten Judentums gegen diese Geschichtsauffassung zu kämpfen. Zuweilen kleidet sich dieser Widerstand in pädagogisches Gewand: man dürfe nicht, heißt es dann, das jüdische Kind dem Kreuzfeuer von wissenschaftlicher und unwissenschaftlicher Methode aussetzen. Ja, warum schafft man denn die unwissenschaft^ liehe Methode, dieses Nachbeten längst verschollener Melodie, nicht gänzlich ab? Weiß man nicht, daß das jugendliche Gemüt, sofern es diesen Namen verdient* nichts so sehr verabscheut, als moralisierende Geschichtsdarstellung, und sich nach allem sehnt, was kräftig, frei, urwüchsig und doch anbetungswürdig ist! Oder fürchtet man die Wissenschaft, Und hat man Grund, sie zu fürchten? Hier erhebt sich ein zweiter Einwand. Die Geschichtswissenschaft und, soweit; es sich um die alte jüdische Geschichte handelt, die Bibelwissenschaft seien DiszK plinen, deren nichtjüdischer Ursprung ihre Berücksichtigung und Verwertung in der jüdischen Geschichtsdarstellung ausschließe. Als ob die Wissenschaft nicht; international sei im besten Sinne des Wortes, als ob es eine jüdische Wahrheit gäbe: und eine nicht jüdische! Mag sein, daß spezifisch christliche Theologen zuweilen in. die jüdische Geschichte Dinge hineinlesen, um sie aus ihr herauslesen zu können.. Aber nicht auf die Einzelheiten kommt es an, sondern auf das Prinzip, und auch das Prinzip der Bibelwissenschaft basiert auf dem Grundsatz kontinuierlicher Entwicklung des nationalen Gesamtlebens. Einzelheiten in den Ergebnissen dieser Wissenschaft kann man verwerfen, aber nicht verwerfen kann man ihren Aus gangspuiikt, eben jenes Grundprinzip der Entwicklung, ohne den Boden natürlicher Geschichtsauffassung zu verlieren. Und welches testimonium stellt man den jüdischen Bibelforschern aus — und nicht schließlich damit der eigenen Gemein-- schaft? — wenn man ihnen nicht soviel Scharfsinn und Liebe zur Sache des eigenen Volkes zutraut, daß sie die Spreu vom Weizen zu sondern, daß sie zu unterscheiden vermöchten, wo der christliche Kollege ausdeutet und wo er entdeckt! Ist es aber vor allem nicht vollkommener Widerspruch, auf der einen Seite das Fehlen jüdischer Kräfte in dieser Wissenschaft zu beklagen, und auf der andern den wenigen Juden die Gefolgschaft zu versagen, die hier in unermüdlicher Arbeit tätig sind?i Erklärlich ist dieser Widerspruch nur, wenn man annimmt, daß hier in Wahrheit die grundsätzliche Verwerfung der Wissenschaft überhaupt vorliegt. Und das im Grunde njeht, weil die Grundlage und die Ergebnisse der Wissenschaft zu unsicher wären, um von ihr aus ein neues Bild der jüdischen Vergangenheit und damit des Judentums überhaupt zu gewinnen, sondern deshalb, weil die Wissenschaft von diesen Kreisen als unbequem und störend empfunden wird, wie jeder, der das ewig Gestrige bekämpft, der das Alte nicht aus Gewohnheit gelten läßt, sondern nach seiner Legitimation fragt, der nicht den faulen Frieden will, sondern die Wahr-, heit, und müßte sie auch mit Schmerzen und Opfern erkauft werden. Über sich selbst nachzudenken und seine eigene Vergangenheit, ist oft peinlich und undankbar,, das weiß niemand besser als der Jude, wenn er zu seinem Gott betet; aber es kann auch erhebend und.läuternd, reinigend, erleuchtend sein, wenn man der Wahrheit die Ehre gibt. Jede Selbsterkenntnis befreit; aber sie ist unmöglich ohne den Mut zur Wahrheit. Und braucht denn die jüdische Geschichte die Wahrheit zu scheuen? Oder ist der Tag, an dem wir unser selbst inne werden, ganz und gar ein Tag des Gerichts?1 Wir wollen nicht urteilen, wir wollen erkennen! Das sollen aber auch die,.