Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ij6 Felix Perles: denen jüdische Geschichte kontinuierliche Offenbarung des transzendenten Weltgottes ist. Die prophetische Gottesauffassung, die ja den wesentlichen Inhalt des offiziellen Judentums bis auf den heutigen Tag bildet, wird um nichts geschmälert, wenn man nachweist, daß und wie sie erstand. Vielmehr kann die Tiefe der prophetischen Religion durch nichts klarer erwiesen werden, als wenn gezeigt wird, aus welch heterogenen Elementen sie hervorwuchs, ihre Stärke sich nicht deutlicher offenbaren, als durch die Erkenntnis, in welchen Formen sie die Jahrhunderte überstanden hat. Rechter Glaube kann durch rechte Wissenschaft nie erschüttert, wohl -aber durchleuchtet und geklärt werden. Eines freilich ist mit rechter Wissenschaft untrennbar verbunden: die Erkenntnis, daß Träger der gesamten kulturellen und also auch aller religiösen Entwicklung die Nation selber ist. Das Volk erscheint uns nicht nur als Subjekt seines Geschicks, sondern vor allem auch als Subjekt der inneren Kämpfe, in denen sich jede organische nationale Einheit zur Vollkommenheit durchringt. Wenn wir darum die Befreiung unseres Volkes wollen, so werden wir auch die Fesseln sprengen müssen, die dem natürlichen Drange nach Entfesselung •des allgemeinen kulturellen Lebens in der Diaspora immer anhangen müssen. Niemand kann sagen, welcher Gott in Zion thronen wird. Wer aber dem alten Gotte wirklich vertraut, der wird den Kampf in der Freiheit freudig aufnehmen. Die Entwicklung unseres nationalen Lebens ist nicht aufzuhalten. Wer darum das Alte schützen will, der tut besser, den Prozeß dieser Entwicklung klar zu erkennen und sich beizeiten zu rüsten, als diesen Prozeß zu leugnen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wissen ist auch hier Macht 1 Darum verwerfe man nicht die Wissenschaft, banne man nicht die Wahrheit aus der jüdischen Geschichtsbetrachtung, Man schaue dem Feind ins Auge und sei bereit! Wenn wir, altes und neues Judentum, einig sind in dem Wunsche nach wahrhaftiger Erkenntnis der Vergangenheit und in dem Willen nach organischer Entwicklung des Volksganzen in der Zukunft, so erscheint als gemeinsame Plattform jüdischer Gegenwartsarbeit die Unterstützung der politischen Tätigkeit unserer Besten. Und die Erweckung des geschichtlichen Sinnes hat nicht zum wenigsten auch die Heranbildung des politischen zur Aufgabe. Erst wenn wir unser neues Haus erbaut haben werden, kann eine neue Entwicklung jüdischen Kulturlebens beginnen. Darum ist uns jüdische Politik der einzige Weg nach Zion, nach unserem -Zion — aber auch von unserem Zion wird immer wieder eine neue Lehre ausgehen, Königsberg i. Pr. Julius Levinsohn DIE JÜDISCH-GRIECHISCHE EPISODE Der Gegenstand dieses Aufsatzes liegt den Interessen der Gegenwart durchaus nicht so fern, wie vielleicht mancher glaubt. Denn obgleich die Episode der jüdischen Geschichte, von der hier gesprochen werden soll, fast zwei Jahrtausende zurückliegt, fallen doch von ihr Streiflichter auch auf manche Erscheinungen unserer Zeit, Wer Geschichte in solchem Ausmaß erlebt wie unser Geschlecht, tut gut, den Blick einmal auch nach rückwärts zu wenden und in einer weit entrückten Vergangenheit den Maßstab für die Beurteilung des großen Geschehens zu suchen, das sich vor seinen eigenen Augen abspielt.