Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Julius Levinsohn: zendenten Gottes, uns ist sie die Offenbarung der über sich selbst hinauswachsenden Natur. Auf dieser Verschiedenheit beruht die Spaltung, die uns geistesgeschichtlich von dem alten Judentum trennt. Von hier aus aber ergibt sich auch der Weg zu einer gemeinsamen Zukunft. Denn auch die Offenbarung im Sinne des alten Judentums, soweit es sich mit Recht von Mose und den Propheten herleitet, zwingt nicht zu jener Religion des Anthropomorphismus, die auch der Talmud unzweideutig verworfen, der sich aber noch Teile des alten Judentums hingeben mögen. Mit den Anhängern dieses Kults ist allerdings eine Verständigung ebensowenig möglich, wie mit den Pseudonationalen im jüdischen oder antizionistischen Lager. Wer die Gottheit nicht zu erfassen vermag, ohne von ihrem leiblichen Verkehr mit Mose auf dem Sinai überzeugt zu sein, der muß freilich auch jenes Dogma akzeptieren, das als einziges im System der alten jüdischen Religion erscheint, jenes Geschiehtsdogma, wonach die gesamte alt jüdische Theokratie bis zu ihren letzten Kommentaren herab auf den vierzigtägigen Aufenthalt des Mose auf dem Sinai zurückzuführen ist. Wer dieses Dogma akzeptiert, mit dem wollen wir nicht rechten: aber er hüte sich, seiner Lebensanschauung einen nationalen Anstrich zu geben, denn wir werden uns nicht täuschen lassen! Wer dieses Geschichtsdogma akzeptiert, der verneint die Idee der Entwicklung im natürlichen, die Idee der Offenbarung im historischen Leben unseres Volkes. Nicht darauf aber kam es den Endredaktoren der Bibel, kam es den Tanaim und Amoräern an, die Entwicklung unseres Volkes auf alle Zeiten festzulegen, sondern darauf, der Diaspora eine nationale Autorität zu geben. Und man konnte ein Gesetz nicht besser für die zersprengte Judenheit autorisieren, als indem man von ihm aussagte, es sei ebenso verbindlich, als wäre es von der Gottheit dem Mose offenbart worden. Der Sinn dieser Formel ist die Erhebung einer Satzung zum Volksgesetz. Gesetzgeber freilich war und blieb die Gottheit. Aber nicht auf den Gesetzgeber kam es im Grunde an, sondern auf das Gesetz, und wenn sich die Satzung die Anerkennung der Nation errang, dann hatte die Formel ihren Zweck vollkommen erreicht, mochte auch die Satzung der geschichtlichen Wahrheit nach zu einer viel späteren Zeit ergangen worden sein, als das Datum dieser angeblichen Verkündung beurkundet. So konnte sich die Anschauung der ständigen Offenbarung der Gottheit im Leben der Nation, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart und in aller Zukunft, erhalten, und gleichzeitig verschaffte man den Manifestationen dieser Offenbarung die notwendige Autorität, indem man sie zum Volksgesetz erhob. Daß man sie dann auf Mose zurückdatierte, war nichts als die äußere Beurkundung des Volkswillens, sich dieser Satzung zu unterwerfen» So geschah es die Jahrhunderte hindurch. Nicht ein Geschichtsdogma wurde in Wahrheit aufgestellt, das die Entwicklung der Nation zu hindern vermocht hätte, sondern die Autorität der Schrift stellte man fest als der Manifestation des lebendigen Gottes. Darum kann sich der gute Wille des alten Judentums, mit dem neuen zur Verständigung zu gelangen, nirgends so deutlich erweisen wie in der gemeinsamen Geschichtspflege. Und doch stößt man hier immer und immer wieder auf die größten Schwierigkeiten. Wer von der natürlichen Entwicklung unseres Volkes ausgehend den. geschichtlichen Verlauf als die kontinuierliche Manifestation jüdischen Volksgeistes darstellt, der zuerst seinen Jahwe am Sinai empfangen und im Laufe der Jahrtausende entwickelt habe bis hin zu der Gottheit Spinozas, der hat, auch wenn