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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
Date
1919-01-01
Page
173 (sequence 5)
Language
German
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Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte 173 Idee der Entwicklung, aus dem Dasein unseres Volkes ausscheidet, einem Nationalismus, der die großen Ideen unserer Zeit mißbraucht, indem er sein ganz und gar antinationales Wesen unter der Maske nationaler ^Willensrichtung zu verbergen sucht. Jeder zu seiner Fahne! Wenn ihr nicht für uns seid, so seid ihr wider uns! Dann wird aber bei Gott uns nichts hindern, euch das Visier gewaltsam zu öffnen! Wir wollen mit dem alten Judentum zu einer Verständigung gelangen. Aber diese Verständigung darf kein Kompromiß werden. Wir glauben aber auch, daß es einen Weg gibt, weil wir davon überzeugt sind, daß das alte Judentum, gerade wenn es ehrlich zugibt, heute noch dem nationalen Gedanken fernzustehen, und im religiösen Leben den Schwerpunkt und die Berechtigung seiner Existenz erblickt, die Idee der Entwicklung und damit die nationale Idee überhaupt zu erfassen vermag, ohne seine Traditionen aufgeben zu müssen. Denn wahre Religiosität fußt auf der Überzeugung des Einzelnen, auf Glauben und Vertrauen, auf dem innern Verhältnis des Menschen zu dem Übermenschlichen. Wenn aber die innere Stimme den Menschen zu seinem Gott führt, dann ist er nicht auf blinde Unterwerfung angewiesen, dann wählt er den Gott, der sich ihm, dem Einzelnen, offenbart in Natur und Geschichte. Ist aber wie die Natur so auch die Geschichte die Offenbarung unseres Gottes, dann finden wir hier einen Weg, rechten Glauben und wahren Nationalismus zu vereinigen. Die Idee der Offenbarung erscheint als dasjenige Geistesgebiet, auf dem sich altes und neues Judentum, sofern beide wirklich Lebensanschauungen sein wollen, und nicht bloße Register von Vergangenem oder Modernem, unbedingt treffen müssen und berühren werden. Das alte Judentum von Mose an kannte nur die Offenbarung in der Geschichte. Der Gott der Propheten ist der Gott.des Weltgerichts, und wenn auch der Gedanke an den Schöpfer der Natur aus der reichen Seele unseres Volkes immer wieder hervorwuchs, solange die natürliche Verbundenheit mit dem Boden Auge und Ohr für die Wunder der Natur empfänglich machte — wir denken an das Lied der Deborah, an Hiobs Unterwerfung, an die Dichter der Psalmen — ja, wenn selbst auch die Prophetie unter dem Bann des allgewaltigen Naturgeschehens steht — den Sieg hat schließlich mit Notwendigkeit der Gott der Geschichte davongetragen, weil dieser Gott, nicht gebunden an die Scholle, an Quelle, Baum und Höhe, mit dem Volke in die Verbannung zog, vor allem aber, weil in dem geistesgeschichtlichen Prozeß der Menschheit das Unsichtbare seit den Tagen Jesaias und Piatos immer mehr die Oberhand gewann über das Sichtbare, weil die Natur ausschied aus dem Bereich des Reinen und Heiligen, aus dem Bereich dessen, was dem Menschen frommt und was ihn adelt, weil die Autorität im Leben der Menschheit sich von der Erde löste und sich in einem transzendenten Reich des Unerreichbaren verbarg. Und die einzige Verbundenheit, die nach alledem noch zwischen Welt und Jenseits bestand, war eben die Idee der ständigen Offenbarung der Gottheit in der Geschichte. Der Rückschlag gegen diese einseitige Weltauffassung zeigte sich in dem System Spinozas, der, wenn auch more geometrico, die Durchdrungenheit der allgegenwärtigen Natur von der Gottheit selbst nachzuweisen versuchte. Aber erst unsere Zeit hat die Einheit des natürlichen und historischen Elements im Wesen der Gottheit erfassen können, weil bis dahin der geschichtliche Sinn dem Bewußtsein der Menschheit nicht gegeben war, das heißt die Erkenntnis des inneren, unauflöslichen Zusammenhangs alles natürlichen und historischen Geschehens. Dem alten Judentum war die Geschichte die Offenbarung eines trans-

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