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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
Date
1919-01-01
Page
172 (sequence 4)
Language
German
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172 Julius Levinsohn: " Wenn also die nationale Lebensanschauung der Idee der Menschheit gerade durch die Anerkennung der nationalen Gebilde als natürlicher Organismen gerecht zu werden glaubt, so stützt sie diesen Glauben auf die Grundüberzeugung, daß sich das Ganze der Kulturmenschheit nur durch die ungehinderte Entwicklung freier Völker zu entfalten vermag. Die Menschheit ist nicht die Summe der Individuen, denen wir den Namen Mensch beilegen, sie ist die "Idee zunehmender Harmonie derjenigen natürlichen Einheiten, in die jene Summe der Jndividuen organisch gespalten ist. Sie ist darum ebenso abhängig von der Kräftigung und Stärkung der nationalen Bindung im Menschen, wie von der natürlich-organischen Weiterentwicklung der nationalen Einheiten, auf deren lebendigem Vorwärtsschreiten im Weltganzen eben aller Kulturfortschritt beruht. Ist aber so mit der nationalen Lebensanschauung untrennbar verbunden der Wille zur Selbstentwicklung der Nation, aus der der Einzelne hervorgegangen ist, so müssen alle jene Versuche, die das alte Judentum heute anstellt, um ein entwicklungsfeindliches Prinzip in das neue, nationale Judentum hineinzutragen, ein für allemal und grundsätzlich zurückgewiesen werden. Zu diesen Versuchen gehören alle jene Unternehmungen, die darauf abzielen, dem nationalen Sein unseres Volkes einen irgendwie außerhalb dieses Seins liegenden Zweck zu imputieren, alle jene so verschieden motivierten und in ihrer Tendenz doch so einheitlichen Vorstellungen von der Mission, die unser Volk in der Welt zu erfüllen hätte. Diese Tendenzen, die sich leider auch Denker zu eigen gemacht haben, deren Gesichtsfeld das Ganze der neuen Welt erfaßt, werden naturgemäß von den Vertretern des alten, entwicklungsfeindlichen Judentums am konsequentesten verfochten. Der nationale Sinn ist auch in diesem alten Judentum erwacht, aber in merkwürdiger Gestalt. „Das Judentum", sagt Breuer in seiner Schrift „Judenproblem"*), „ist keine religiöse, sondern eine politisch-nationale Stiftung, von vornherein bestimmt, in seinem geschichtlichen Lebensgang einen Protest gegen die geschichtliche Entwicklung der in Machtvergötterung aufgehenden übrigen Nationen zu bilden." Und er fügt — was hier von besonderem Interesse ist — hinzu: „Wie das alles aus den Urkunden des Alten Testaments mit völliger Klarheit hervorgeht." Der Verfasser verwirft naturgemäß die zionistische Idee, weil sie die jüdische Kultur, wie sie heute vorliegt, nicht anerkenne, vielmehr einen jüdischen Staat vorsehe, der in keinem Zusammenhang stehe mit den überlieferten Kulturwerten der eigenen jüdischen Vergangenheit. Als Kultur erscheint aber dem Verfasser das Gewordene schlechthin: die Nation ist ihm nicht eine lebendige, organische Einheit, sondern ein toter Mechanismus, in dem sich das Alte inkarniert habe und nur deshalb Gehorsam erfordere, weil es da sei, gleichgültig, ob diese Unterwerfung unter die Vergangenheit von der Überzeugung des Einzelnen getragen ist oder nicht. Die jüdische Nation die Sklavin ihrer eigenen Vergangenheit! Es muß dem neuen, lebendigen Judentum alles daran liegen» mit dem alten zu einer Verständigung zu gelangen. Die Massen unseres Volkes zu erfassen, erscheint als die wichtigste Aufgabe unserer Galutharbeit. Aber es kann und darf uns nichts daran Hegen, uns mit einem Nationalismus zu verbinden, der seinen Namen mit Unrecht führt, weil er das heilige Palladium der nationalen Weltanschauung, die *) 3. Aufl. 1918, S. 82.

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