Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 171 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte 171 zeigt werden, daß die Bejahung des neuen Judentums nur unter gewissen Voraussetzungen wahrhaft und seinem eigenen Wesen gemäß erscheint, Voraussetzungen, die das alte Judentum bisher noch nicht mit der für unsere Sache wünschenswerten Konsequenz anerkannt hat. Die zionistische Idee steht und fällt mit der Anerkennung des Prinzips der natürlichen Entwicklung. Das trennt uns von der Vergangenheit einerseits, von der nichtnationalen Judenheit der Gegenwart andererseits. Seit dem Werke Esras und Nehemias hat der lebendige Pulsschlag organischen Lebens in unserer Gemeinschaft aufgehört. Wir durchwanderten die Jahrtausende als lebender Leichnam, weil jede Entwicklung Kampf bedeutet, und der Kampf unsere Existenz vollständig vernichtet hätte. Wir lebten in einem uns aufgezwungenen unnatürlichen Burgfrieden, der unser Dasein zwar vor schweren Erschütterungen bewahrte, zugleich aber uns abschloß von der Quelle lebendigen Seins. Wir vegetierten hin und verdorrten. Auch als eine neue Zeit über Europa kam, als die Kultürmenschheit die angemaßte Herrschaft transzendenter Autoritäten stürzte, als die immanente Gewalt, natürlichen Lebens den mittelalterlichen Spuk beseitigte, der sich feige in graue Klöster verkroch, als man wieder frei atmen lernte und aus der wieder entdeckten Natur die Kraft sog, für die Wahrheit des neuen Lebens mit Gut und Leben gegen die Dunkelmänner und ihren Anhang einzutreten, auch da noch verharrte unsere Nation in ihrer Erstarrung, denn in ihre Ghetti drang die Sonne des lachenden Frühlings nicht. Erst als das Wirtschaftsleben Europas unsere Arbeitskraft und unseren Scharfsinn brauchte, als man erkannte, daß der Jude ein guter Rechner ist, und als die französische Revolution durch Napoleons Schwert den Schlußstein auf den Bau setzte, den Luther begonnen —, erst da trat auch unser Vorfahr in die neue Welt ein. Es geschah im Zeichen individualistischer Lebensanschauung, zu der sich das Naturempfinden Europas zunächst geformt hatte. Und so erschien der Jude nicht als Jude, sondern als Mensch, als Rechner, Literat — als Einzelner. Europa wandelte sich weiter und der Jude kam langsam nach, sehr langsam. Den Individualismus des 18. Jahrhunderts überwand der Nationalismus des 19., auch er Offenbarung des Naturtriebes im Menschen. Die natürliche Entwicklung des Individuums erschien und erscheint uns heute noch gerichtet und bestimmt durch die potentielle Energie vergangener Geschlechter, die in dem Einzelnen nachwirkt und in immer wieder neuen Ausprägungen individuellen Seins die Offenbarung jener göttlichen natura naturans darstellt, deren Glanz die Seele des einsamen Spinoza durchwärmt und durchleuchtet hatte. Und erst in dem Zusammenwirken der von Natur geschiedenen nationalen Gebilde, in der gegenseitigen Durchdringung des natürlich Entgegengesetzten, erleben wir die Harmonie einer göttlichen Weltordnung, in der uns das Natürliche als gemeinsame Wurzel des Triebhaft- Animalischen sowohl wie des Kulturbewußtseins und Gestaltungsvermögens im Menschen erscheint. Aber damit sich das Rohe zum Schönen erhebe, bedarf das natürliche Dasein der immanenten Kraft schöpferischer Entwicklung: weder erhält sich das Große auf die Dauer ohne beständige Verarbeitung des materiellen Daseins, noch vermag das Niedrige je über sich selbst hinaus zu wachsen, ohne daß wir der ganzen Welt um uns und in uns die Idee der Entwicklung zugrunde legen. Die Natur in uns zwingt uns das Gebot der Wahrhaftigkeit auf, die Verwirklichung der Idee der Wahrheit, die Kraft aber in uns, überhaupt zu handeln, zu formen, zu gestalten, verlangt von uns die Anerkennung des Prinzips der Entwicklung allüberall, wohin unser Auge schweift, um uns und in uns.