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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte
Date
1919-01-01
Page
170 (sequence 2)
Language
German
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I7Q Julius Levinsohn: brennender, als die gesamte Kulturwelt in einem unerhört grausamen Prozeß von der Schwere und Tiefe dieser Frage im Innersten erschüttert ist. Auch erscheint es für den Aufbau eines Volksganzen notwendig, das Problem, wie dieser Aufbau sich gestalten solle, vor allem von der Seite des Wirtschaftslebens her zu durchdenken. Ist es aber das Wirtschaftsleben allein, in dem sich unsere Sorge für die Zukunft konzentriert? Gibt es nicht noch andere Faktoren der inneren zionistischen Politik, die man nicht vernachlässigen darf, wenn man die Wege finden will, die aus der Gegenwart in eine Zukunft der Ganzheit und der inneren Einheit führen? Unter diesen Faktoren erscheint als der wichtigste die Frage nach dem Verhältnis des palästinensischen Staates zu den Formen des überlieferten Judentums. Die Erörterung dieses Problems ist um so dringender und notwendiger, als seihe Lösung zum großen Teil nicht von Zweckmäßigkeits-Gesichtspunkten abhängt, sondern von der richtigen Einstellung des Geisteslebens unserer Nation, und darum mehr noch als das wirtschaftliche Problem eine durchgreifende Diskussion schon hier im Galuth erfordert. Auch die soziale Idee, und wenn sie sich auch schließlich zu ganz materiellen Gestaltungen formt, bleibt Idee und darum eine geistige Größe. Aber die religiöse Frage, oder was man darunter verstehen sollte, trifft ausschließlich das Innenleben unseres Volkes, und alle Formungen, die die Idee hier annimmt, tragen das Gepräge seelischen und geistigen Ringens. Es gab einmal eine Zeit, in der das religiöse Leben unseres Volkes erstarrt war. Damals, als man Spinoza verfluchte, weil seine Lehre einen Riß bedeutete in der Mauer, die die Trümmer der Nation umgab. Heute, da wir am Werke sind, einen neuen Bund mit dem Leben zu schließen und mit den Mächten des Lebens, heute wird sich die Erstar rung lösen müssen und lösen können, eben weil sich die Nation eine neue Formung schaffen wird, eine Formung natürlichen Lebens, in der das Alte nur dann seinen Platz finden wird, wenn es noch stark genug ist, sich als lebendige Größe durchzusetzen. Und darum geht der Kampf. Schon hier im Galuth werden alle Kräfte aufgeboten, um das Überlieferte — nicht die Form allein, sondern mehr noch die Gesinnung und das System — in die Zukunft hinüberzuretten. Das alte Judentum ist erwacht, es hat sich der Nation ergeben, aber es will die Nation zugleich beherrschen. Und weil es sich hier im Grunde nicht so sehr um die Gestaltung des palästinensischen Lebens handelt, als vielmehr um die richtige Erfassung des zionistischen Gedankens überhaupt, darum kann das hier vorliegende Problem nicht als eine cura posterior, beiseite geschoben werden, sondern erfordert eine durchgreifende Erörterung gerade hier im Galuth und gerade von uns, wenn wir wieder zur Bejahung einer Galutharbeit gekommen zu sein behaupten. Es soll hier nicht davon gesprochen werden, inwieweit das alte Judentum an sich im Recht ist. Im Galuth werden wir weder hinsichtlich der Formen noch hinsichtlich der Gesinnung jemals frei urteilen können, weil Ja oder Nein im Galuth nicht nach dem absoluten Werte des Überlieferten gesprochen werden kann, sondern ausschließlich nach der inneren Verbundenheit des Einzelnen mit der Nation, deren Dasein im Galuth jenen absoluten Maßstab von vornherein ausschließt. Spruchreif wird die Frage erst im Lande werden, wo diese Rücksichten auf das Unnatürliche der gegenwärtigen Situation uns nicht mehr behindern werden. Gleichwohl gibt es in diesem Fragenkomplex gewisse Elemente, die sich nicht auf den Wert des überlieferten Judentums beziehen, sondern auf die Art und Weise, wie das alte Judentum das neue erfaßt hat. Es soll nicht das alte gewertet, sondern es soll ge-

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