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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
Date
1919-01-01
Page
168 (sequence 18)
Language
German
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i68 Abraham Schlesinger: Zur Bestimmung des Nationaljudentüms Ubheriah, Wiedergeburt und Neuschöpfung*)! Damit ist aber scharf und treffend das eigentliche, das psychologische Wesen auch des Gegensatzes zwischen materialem und formalem Nationalismus überhaupt gekennzeichnet. Die Vertreter des materialen Nationalismus**) erstreben eine nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes: so viele Einzelheiten ihnen allenthalben am Judentum und an der Judenheit änderungsbedürftig erscheinen, so vielerlei Altes sie dem Verfalle preisgeben, so vielerlei Neues sie der Aufnahme und organischen Einfügung für notwendig erachten, so dringend sie eine Gesamterneuerung des „Geistes" und eine allgemeine „Belebung der Herzen" fordern — im ganzen ist ihr Zukunftsideal die „Wiedergeburt" des Besten und Erhabensten aus der Vergangenheit, dessen Bereicherung um das Beste und Edelste der Gegenwärt, seine fortwährende größtmögliche Höherentwicklung und breiteste Vollentfaltung; kurz die Erneuerung des jüdischen Volkes im Geiste seiner klassischen Vergangenheit und die Wiedererweckung seiner schöpferischen Kraft zur fortschreitenden Realisierung des messianischen „Endideals", Die solchergestalt an den großen Traditionen der Vorzeit, die sie tief im Herzen tragen, persönlich orientierten Vertreter des materialen Nationaljudentums stehen daher, vollbewußt oder nicht, unter der „Aufgabe" (im psychologischen Sinne des Begriffes), den „Ewigkeitswert" und die relative Beharrung der historischen jüdischen Kultur und ihrer psychischen Grundlagen darzutun; der jüdischen Nationalität, unbeschadet aller erforderlichen Einzelumgestaltungen, in ihrer allgemeinen historischen Totalität und Singularität Anerkennung zu verschaffen als dem bleibenden Fundament jeder nationalen Weiterarbeit. Dagegen erstreben die formalen Nationalisten eine nationale Neubildung des jüdischen Volkes: mit der Vergangenheit soll der Hauptsache nach gebrochen, die national-kulturelle Tradition im allgemeinen verworfen werden; auf der Abbruchstelle jedoch ist ein völlig neues Gebäude zu errichten, für dessen Aufbau aus dem Trümmerhaufen nur einige wenige Steine als brauchbares Material noch mit verwendbar sind. Das Zukunftsbild der jüdischen Nation zeigt lediglich zwei bekannte Züge: die hebräische Sprache und das Land Palästina. Der Rest bleibt unbekannt. Wie die zukünftige jüdische Kultur und die neue jüdische Charakterologie aussehen, welche Stellung dereinst das jüdische Volk im Kulturleben der Menschheit und im Rate der Völker einnehmen soll, muß der formale Nationalismus dahingestellt sein lassen. Das Ideal ist vorwiegend negativer Natur: die Zukunft soll nicht sein, wie die Vergangenheit und Gegenwart, die Kinder sollen nicht sein, wie die Väter waren, ein Neues soll erstehen. Demgemäß beherrscht die Formalisten die Aufgabe, den dauernden Wert***) und die *) APD III S.91Ü. **) Auch Theoretiker wie Nathan Birnbaum, Joseph Klausner, Ignaz Zollschan, in gewissem Sinne auch Martin Buber, dürften beispielsweise hier noch zu nennen sein. ***) Trotzdem Klatskin den nationalen Wertcharakter der historischen jüdischen Geisteskultur anerkennt und sie nur als „Kriterium der jüdischen Nationalität" ablehnt, kommt bei ihm unwillkürlich eine Höherschätzung jener modernen jüdischen Leistungen zum Ausdruck, deren Schöpfer in einer betonten Gegensätzlichkeit zur historischen jüdischen Kultur stehen. S. 544 im „Juden" a. a. 0. (bzw. „Probleme des modernen Judentums" S. 27) wägt er die Leistungen der „Assimilationsprediger, die nie müde werden, das ,Wesen des Judentums' und den »Geist des Judentums' zu verherrlichen" gegen die Taten der „Vorkämpfer unserer nationalen Renaissance, Schöpfer der neuhebräischen Literatur (z. B. Berdyczewski,Tschernichowski u. a.), die gegen die Grundlehren des Judaismus in Opposition treten". Natürlich werden dabei die „Assimilationsprediger" zu leicht befunden. Aber merkwürdigerweise ist ganz vergessen, daß vorher stets Achad Haam als Hauptvertreter des „geistigen" Judentums ge-

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