Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 169 (sequence 19)
- Language
- German
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Julius Levinsohn: Das Prinzip der Entwicklung in der jüdischen Geschichte 169. relative Konstanz der historischen jüdischen Kultur und ihrer psychischen Grundlagen in Zweifel zu ziehen bis auf die zwei in die Zukunft hinüberzurettenden Elemente Land und Sprache, die ihrer Beschaffenheit nach einerseits immerhin ausreichen, wenigstens eine vollständige Zerreißung aller geschichtlichen Kontinuität einigermaßen zu verhüten, und anderseits doch das Abwerfen jenes größeren und beschwerlicheren Teils der ganzen ,,Erbschaftsbürde" gestatten, von dem man sich persönlich allzu bedrückt fühlt*). Wird der Meinungsstreit so verstanden, dann erübrigt sich jede theoretische Stellungnahme. Wo es um letzte, in der ganzen Persönlichkeit verwurzelte Willensziele und Idealsetzungen geht, bleibt wenig zu beweisen oder zu widerlegen* Wohl könnte man einiges vorbringen. Zunächst wäre eine schlichte logische Überlegung am Platze. Nur der materiale Nationalismus darf mit Recht behaupten,, ein jüdisches Zukunftsideal aufgestellt zu haben. Er erstrebt die „Wiedergeburt"^ die Erneuerung dessen, was historisch den Namen Judentum und Judenheit trägt; während der formale Nationalismus, der im wesentlichen eine Neuschöpfung, vollziehen will, ihr auch einen neuen Namen verleihen müßte und sie nicht: unter den Begriff bringen dürfte, der nun einmal historisch eine andersartige Bedeutung hat. Ferner ließe sich darauf hinweisen, daß praktisch der materiale Nationalismus im Vorzug ist. Indem er, wenigstens allgemein, sein Ziel inhaltlich fixiert, unterwirft er die Schaffenden einer bestimmenden Aufgabe, einer nach psychologischem Befunde die Lösung von Aufgaben günstig beeinflussendem „determinierenden Tendenz". Der formale Nationalismus hingegen, der sein Ziel nicht positiv fassen kann oder will, muß sich begnügen, einfach der „freien. Entwicklung der Kräfte" das Wort zu reden und es im übrigen der Zukunft: anheimzugeben, ob daraus ein neues nationales Leben mit einer neuen Kultur entsteht oder ein Chaos und ein letzter Untergang. Doch wie gesagt: Erfaßt man die Streitfrage psychologisch, so sind derlei Besinnungen ohne Wert und Wirkung. Die einen gleich den anderen werden weiter ihren besonderen Zielen zustreben — wohin sein Geist ihn zu gehen treibt, dahin wird jeder gehen. Der Schaffenden Werk mag nach Zeiten erkennen lassen, wer dem jüdischen Volke den „Weg des Lebens" richtig gewiesen hat. Buchau am Federsee Abraham Schlesinger DAS PRINZIP DER ENTWICKLUNG IN DER JÜDISCHEN GESCHICHTE Das Interesse der zionistischen Welt ist vollkommen durch die Probleme in Anspruch genommen, die sich für den Aufbau des Landes ergeben. Unter diesen Problemen nimmt das sozialistische mit Recht den ersten Platz ein. Die Frage nach der Entwicklung des palästinensischen Wirtschaftslebens erscheint um sa nannt war. Wäre hier ebenfalls anAchad Haam gedacht worden und an die übrigen „Vorkämpfer unserer nationalen Renaissance", die dem „geistigen Nationalismus" huldigen, so hätten auch auf dieser „andern Seite" große und gewichtige Namen aufgezählt werdenmüssen — was im Zusammenhang eben nicht wohl anging. *) Als Notwendigkeit für die Übergangszeit des Galuth fordert Klatzkin allerdings die Erhaltung des jüd. Gesetzes und anderer „Ruinen unseres Nationalbesitzes" (Pro* Werne usw. S. 143fr.).