Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 167 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Bestimmung des Nationaljudentums 167 lichkeit ist nicht Einfachheit, sondern sie schließt eine unendliche Mannigfaltigkeit von Merkmalen — körperliche, seelische und psychologisch-neutrale, gleichzeitige und sukzessive, konstante und wechselnde — in sich4'*). Alle diese zunächst für das Einzelindividuum geltenden Ausführungen dürfen nun unverändert auf das Kollektivindividuum übertragen werden. Was die Individualität einer geschlossenen Menschengruppe, z.B. einer Nationalgemeinschaft, ausmacht, das ist ebenfalls ihr einzigartiges, einmaliges, ganzes und unteilbares Sosein. „Auch eine Gemeinschaft von Menschen", sagt Stern, „kann unter dem Gesichtspunkt der geschlossenen Ganzheit, also als „Kollektivindividuum" — und in ihrer Besonderheit gegenüber anderen Gemeinschaften, also als „Kollektivindividualität'* aufgefaßt werden**)." Daher hat „die Individualitätsforschung stets von dem Grundfaktum auszugehen, daß Individualität Einheit in der Mannigfaltigkeit sei"***). Noch ein zweiter hervorragender Fachgelehrter mag anschließend zu Worte kommen. Mit größtem Nachdruck vertritt Gustave Le Bon einen Standpunkt, den wir in unserer Terminologie als materialen Nationalismus bezeichnen. „Ein Volk ist ein durch die Vergangenheit, geschaffener Organismus, der wie alle Organismen sich nur mittelst langsamer Erbansammlungen verändern kann." Die Tradition, welche „die Ideen, Bedürfnisse und Gefühle der Vorzeit" umfaßt und als „Synthese der Rasse. . . mit ihrem ganzen Gewichte auf uns lastet", bildet ein wesentliches Nationalitätskonstituens. Alle „Kulturelemente" einer Nation stellen lediglich „den äußeren Ausdruck für ihre Seele" dar, derart, daß, „trotz täuschenden Scheins weder die Sprache, noch die Religion, noch die Kunst, noch ein Kulturelement überhaupt von einem Volke zum andern unverändert übergehen kann"t). Die Streitfrage wäre nunmehr wohl entschieden — wofern sie als rein theoretische gefaßt werden dürfte; wofern es von vornherein nur darum ginge, ohne jede Nebenabsicht zu ermitteln, ob die Bestimmung der jüdischen Nationalität sich ausschließlich an gewisse Einzelmerkmale des gesamten historisch gegebenen jüdischen Gemeinschaftsseins halten muß, oder ob die ganze Fülle ihrer „Merkmale" gerade in ihrer Totalität wesentlich ist. Die Frage will indessen, wie man unschwer erkennt, im letzten Grunde gar nicht rein theoretisch genommen werden. Die Vertreter beider Richtungen, des materialen wie des formalen Nationaljudentums, lassen sich gleicherweise von vorwiegend praktischem Interesse leiten. Beide zumal haben es letzten Endes auf die Zukunftsgestaltung des jüdischen Volkes abgesehen. Dieses eigentliche Ziel beherrscht, teils mehr teils minder bewußt, ihre theoretischen Auseinandersetzungen. Hier wie dort dient der Intellekt gehorsam dem Willen. Achad Haam hat einmal den Gegensatz zwischen dem alten, von der jüdischen Kultur erfüllten, östlichen Zionismus und dem neueren, (damals) rein diplomatischpolitischen des Westens, auf eine Formel von zwei Worten gebracht: Thechijah *) Ebend. S.320. **) Ebend. S. 20. ***) Ebend. S.320 f. t) Gustave Le Bon, Psychologie der Massen (2. Aufl. deutsch) S. söff. Auch Karl Renne r tnuß zu den „materialen Nationalisten" gerechnet werden, insofern ihm die Nation jedenfalls zunächst Sprach- und Kulturgemeinschaft ist. Vergl. sein „Selbstbestimmungsrecht der Nationen" I.