Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 166 (sequence 16)
- Language
- German
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x66 Abraham Schlesinger: z.B. konstituiert sich aus dem Gesamtkomplex aller Merkmale der historischen jüdischen Gemeinschaft, die polnische Nationalität aus dem Gesamtkomplex aller Merkmale der historischen polnischen Gemeinschaft usw. Wir sahen bereits, daß Land und Sprache unmöglich für die allgemeinen Nationalitätskonstituenten gelten können. Sucht man schon nach solchen im einzelnen, so hätte man vielleicht mit mehr Berechtigung die Merkmale der Abstammungs-, Geschichts- und Kulturgemeinsamkeit und der dadurch bedingten Art- und Interessengemeinschaft zu nennen, soweit dies alles wenigstens im eigenen Bewußtsein des Volkes oder in dem der anderen Völker, also wenigstens subjektiv vorhanden ist*). Aber damit wäre man ungefähr wieder beim materialen Nationalismus angelangt. Der Formalismus erscheint demnach auch von hier aus unhaltbar. Die eigentliche Schwäche des Formalismus liegt offenbar in seiner allzu unbedenklich vollzogenen fundamentalen Abstraktion allgemeiner „Formen". Eine Zerlegung des nationalen Seins in Formen und Inhalte läßt sich nicht hinreichend begründen. Die Nationalität äst beides mit einemmale. Man erkennt dies unschwer, wenn man vom Sachverhalt beim Einzelindividuum ausgeht Die Nationalgemeinschaft muß zweifellos als ein „Kollektivindividuum", die Nationalität als eine „Kollektivindividualität" gefaßt werden — im großen ganzen analog zum Einzelindividuum und zur Einzelindividualität. Wie bestimmt sich die Individualität eines Einzelmenschen, sagen wir veranschaulichend etwa eines Spinoza? Doch gewiß nicht durch den Umstand allein, daß Spinoza in Holland lebte und lateinisch schrieb. Es tritt noch sehr viel anderes hinzu: daß er einer portugiesisch-jüdischen Marannenfamilie entstammte, seine besonderen Lebensschicksale hatte, besondere Charakterzüge und Geisteseigenschaften besaß, von besonderen philosophischen, theologischen, politischen Gedanken erfüllt war usf. Kurz, die Individualität Spinozas ist die vielgegliederte Einheit aller jener „Merkmale" zusammen, die in ihrer Gesamtheit und besonderen Zusammensetzung ihm allein eigentümlich zukamen* Das einzigartige, immer nur einmalige, ganze und durchaus unteilbar-einheitliche Sosein eines Wesens macht seine Individualität. William Stern, die erste Autorität auf dem Gebiete wissenschaftlicher Individualitätsforschung, drückt es so aus: „Unter einem ,Individuum* verstehen wir ein Ganzes, das zwar eine Vielheit von Bestandteilen in sich schließt, aber dennoch nicht in diese Teile aufgelöst werden kann (also, „in-divisibile" ist) .. . .Unter einer „Individualität" verstehen wir ein Individuum, sofern es als Ganzes eine singulare Besonderheit darstellt"**). „Im Begriff der Individualität liegt nicht nur das Besondere, Singuläre, sondern auch zugleich das Ungeteilte, Einheitliche .... Aber die Einheitkeine notwendige Gemeinsamkeit (wenn man den Begriff in seiner Reinheit nimmt und nicht mit dem der Nation vermengt). Das Nämliche gilt entsprechend für philosophische „Schulen", für „Sprachengruppen", für Bevölkerungs-,, Klassen" usw. Dagegen als Nation ist eine Gemeinschaft bestimmt erst durch einen größeren Komplex verschiedenartiger Merkmale. Eine Nation ist eine Gruppe, die, wenigstens ihrer Tendenz oder Tradition nach, eine vollumfassende, relativ geschlossene, geschichtliche, allgemeine Lebensgemeinschaft darstellt: eine kollektive historische Vollindividualität. Die einzelnen Merkmale können dabei für jede besondere Nation verschieden sein. Nationalität bedeutet, wie wir oben sagten, ein — jeweils eigenartiges — totales allgemeines Gemeinschaftssein, *) Vergl. S. Feuchtwanger, Die Judenfrage S. 72. **) William Stern, Die differentielle Psychologie (2. Aufl.) S. 19.