Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 164 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Abraham Schlesinger: Wiedergeburt überhaupt möglich sei und daß ausschließlich dadurch die Wiedergeburt der Judenheit oder auch nur (wie Klatzkin meint) des auf dem Boden Palästinas dereinst befindlichen Teils der Judenheit als irgendwie selbständiger und kulturell eigenschöpferischer Nation unter Nationen verbürgt werde. Dann haben wir es mit einem völlig subjektiven Glauben zu tun, einem persönlichen „Bekenntnis", das jedem objektiv zwingenden Beweis unzugänglich bleibt. Oder die Willensrichtung und die Vorwegnahme beruht nicht auf einer Überzeugung, sondern es handelt sich einfach um einen unwillkürlichen dunklen Trieb einer kleineren oder größeren Gruppe von Freunden der hebräischen Sprache und des historischen jüdischen Stammlandes. Dann fehlt erst recht diesen beiden Merkmalen der jüdischen Nationalität alle Objektivität.*) Demnach ergibt sich: wäre es wirklich an dem, daß der materiale Nationalismus „durch ein subjektives Moment, durch ein Bekenntnis" das „Judesein. .. bedingen" wollte, so bedingt es jedenfalls der formale Nationalismus durch das nicht minder subjektive Moment einer „Vorwegnahme", einer Fiktion. Der dritte Einwand galt der Übertragbarkeit und universalen Tendenz aller gedanklichen Inhalte, wodurch deren nationaler Charakter dargetan sei. Wir fragen wieder: Wie steht es in diesem Betracht mit Sprache und Land? Die französische Sprache ist so übertragbar und universal gerichtet, daß sie bis zur Gegenwart als allgemeine Dipiomatensprache diente, daß sie lange Zeit die internationale Gebildetensprache Europas war. Englisch ist zugleich die Nationalsprache der Amerikaner. Die deutsche Sprache wird, wenngleich in gewisser Modifikation, von den Juden der Slawenländer gesprochen. Ein Fachmann wie Heinrich Loewe, bekanntlich einer der ersten Vorkämpfer des Hebraismus, urteilt also: „Zu dem Begriffe der Nation gehört die Sprache noch nicht notwendig hinzu... Überhaupt gibt es ja verschiedene Nationen, die die gleiche Sprache sprechen, und wiederum verschiedene Sprachen in derselben Nation . .. Sprachen übertragen sich von einer Nation auf die andere. Für eine solche Übertragung ist der beste Beweis, der im vollen Lichte bekannter Geschichte liegt, die Entstehung der romanischen Sprachen."**) Darf mithin die Sprache für durchaus unübertragbar gehalten werden? Ist die historische Sprache eines Volkes weniger „anational" und weniger universal gerichtet als z. B. seine Ethik? Dasselbe läßt sich vom Lande sagen. Wieviele Länder gibt es, die nicht wiederholt auf verschiedene Besitzer „übertragen" wurden? Jedes äußere Besitztum, wie es doch ein Land darstellt, ist übertragbar. Ein Besitzanspruch kann bleiben: eine Nation kann die Erinnerung an den ehemaligen Besitz eines Landes lebendig erhalten und daran Hoffnungen und Bestrebungen für die Zukunft knüpfen. Aber was dann vorliegt, ist ein gedanklicher Inhalt *) Daß speziell das zionistische Nationaljudentum überhaupt objektiv begründbar sei, hat allerdings Achad Haam nie behauptet. Im Gegenteil! Der Zionismus beruht ihm auf dem Glauben, auf der durchaus unbeweisbaren persönlichen Überzeugung, daß nur durch die Konzentration auf ein zu hebraisierendes Palästina die Wiedergeburt des jüdischen Volkes möglich und die Sicherung seiner Zukunft verbürgbar sei. APD III, S.206X, IV, S. I98ff. — Bekanntlich war übrigens andererseits für Herzl die Konzentration gerade auf Palästina keineswegs die unerläßliche „Bedingung des Judeseins". Wie wenig manchen führenden Zionisten, zum mindesten in Deutschland, lange Zeit die hebräische Sprache eine solche condicio sine qua non bedeutete, ist ebenfalls bekannt. **) Heinrich Loewe, Die Sprachen der Juden. S. 1401.